Achtung. Achtung. Achtung.
Wir sind umgezogen!

Januar 2021

Das Büro für besondere Maßnahmen ist ab sofort erreichbar auf mojour.de

Nach und nach werden alte Beiträge – ggf. aktualisiert und überarbeitet – dorthin umziehen. Bitte folgen ... :-)

Sonntag, 23. Oktober 2011

ich bin dann auch mal weg

auch das schönste ehrenamt der welt kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass ich nach wie vor nicht ausreichend eigenes geld verdiene und auf ergänzendes arbeitslosengeld angewiesen bin.


seit der neuregelung der hartzIV-gesetze anfang des jahres 2011 ist es sogar noch etwas schwieriger geworden.

was habe ich mich anfangs gefreut über die 5 euro mehr im monat! schier geschämt habe ich mich, diesen betrag überhaupt anzunehmen für fundamentales nichtstun. und nicht nur das – es war ja noch viel mehr!

es gab nämlich eine versteckte erhöhung des regelsatzes dadurch, dass ich die kosten für mein warmes wasser zum duschen nicht mehr komplett aus dem regelsatz bestreiten muss. dort war es allerdings (von 2005 bis 2010) gar nicht erst berücksichtigt, so dass alle langzeiterwerbslosen (theoretisch) immer kalt duschen mussten.

das kann man doch auch mal erwarten. irgendwie muss der kreislauf schließlich in schwung gebracht werden, wenn unsereins schon nicht für geld arbeiten geht.

neuerdings – also seit april 2011 - sind wir laue warmduscherInnen mit staatlicher unterstützung! bis zu einem monatlichen betrag in höhe von 6,47 euro gehört das warme wasser jetzt zu den kosten der unterkunft. das ist voll der luxus! wenn ich ein bißchen spare, kann ich mir vielleicht auch mal wieder ein heißes ganzkörperbad leisten. im winter. wenn es kalt ist.

die neuregelung von alg2 ergab also insgesamt eine erhöhung des regelbedarfs um sagenhafte 11,47 euro im monat. ab januar 2012 werden es sogar noch 10 euro mehr. einfach so: für die pflege der faulen haut, die längst wundgelegen ist. ich weiß noch gar nicht wohin dann mit dem vielen geld.

nun aber mal die ironie abgeschaltet:

seitdem das alg2 um 5 euro erhöht wurde, muss ich von meinem monatlichen zuverdienst wesentlich mehr abgeben. ich bezahle die erhöhung also quasi aus eigener tasche – und das geht so:

nehmen wir mal an, ich hatte 2010 einen 400-euro-job (oder ein dozentenhonorar oder einen lektoratsauftrag oder was auch immer) und zusätzlich ein ehrenamt mit aufwandsentschädigung.

die aufwandsentschädigung fürs ehrenamt durfte ich bis zu einem betrag von 175 euro monatlich in voller höhe behalten. vom anderen einkommen durfte ich die ersten 100 euro behalten, vom rest 20 prozent, macht 160 euro. die freibeträge wurden addiert, ich durfte von 575 euro einnahmen 335 euro behalten.

seit diesem jahr gilt nur noch der höhere freibetrag, einkommen aus erwerbstätigkeit und ehrenamt werden nicht mehr unterschiedlich behandelt. das bedeutet, dass mir von 575 euro einnahmen nur noch 270 euro übrig bleiben. also 65 euro weniger als bisher. abzüglich der „erhöhung“ des regelsatzes habe ich dadurch jetzt monatlich 53,53 euro weniger zur verfügung als vorher.

frau von der leyen, unsere halbadelige bundesblondine mit keifestimme, hat also (in meinem beispielfall) eine kürzung des erlaubten zuverdiensts um 25 prozent durchgesetzt. oder auf deutsch: wer mehr arbeitet, wird auch mehr bestraft. herzlichen dank!

(die gesetzeslage dazu im einzelnen ist nachzulesen bei gegen-hartz.de)

darüberhinaus ist dem jobcenter scheinbar gar nicht daran gelegen, dass ich überhaupt arbeiten kann. nach wie vor torpedieren sie von dort meine gesundheit. trotz gegenteilig lautender fachärztlicher atteste werde ich weiter gezwungen, eine neue wohnung zu finden und umzuziehen. ich habe hier vor monaten mal darüber geschrieben.

neuerdings werden mir sogar sanktionen angedroht wegen angeblich unzureichender mitwirkung. die folge von alledem: durch den vom jobcenter ausgeübten zwang und druck, durch die hoffnungslose ausweglosigkeit der situation werde ich krank und kränker. seit anfang des jahres war ich - allein durchs amt verursacht - mehr als elf wochen arbeitsunfähig.

ich halte den druck nicht mehr aus, kriege die balance nicht mehr hin, entgleise mir immer öfter. einen rückfall in den alkohol konnte ich bislang zwar verhindern, aber der druck bricht sich bahn in sehr ungesunder selbstverletzung.

ich erschrecke über mich selbst und über die wucht meiner ohnmächtigen wut. inzwischen kann ich sogar die gedanken von selbstmordattentäterInnen nachvollziehen. meine schrecklichsten rachephantasien gehen in solche richtungen.

nein, habt keine angst um mich mich: für so ein zerstörerisches krawumm bin ich viel zu gut erzogen. statt dessen richte ich den hass gegen mich selbst. das ist, als ob ich selbst todesgift schlucke in der hoffnung, dass die anderen daran zugrunde gehen.

ich halte es nicht mehr aus, bin am ende meiner kraft, aber ich kann es aucht nicht selbst abstellen. deswegen bringe ich mich in sicherheit vor mir selbst, in eine therapeutische klinik. für länger. das jobcenter hat es also geschafft und mich krankenhausreif schikaniert.

„alle symptome eines burnout“ - sagte eine befreundete therapeutin. als erwerbslose kann/darf man aber natürlich keins haben. deswegen verschreibt die ärztin: „depressive dekompensation mit selbstmordgedanken“

auch in der klinik werde ich vieles aufschreiben. weil mein schreiben mir immer geholfen hat, erlebtes zu strukturieren, zu verarbeiten und zu genesen. ob ich dort aber einen internetanschluss habe oder ob ich überhaupt von dort texte veröffentlichen will, kann ich jetzt noch nicht sagen.

über kurz oder lang melde ich mich zurück, so viel ist sicher. habt es gut!


ps.
hier erzähle ich, wie's war:
teil 1

--------

Freitag, 7. Oktober 2011

working poor III

besondere maßnahme no. XXV

vor ein paar wochen ist es mir gelungen, eine neue beschäftigung an land zu ziehen. nein, keine feste stelle. bezahlte arbeit, die die menschen auch angemessen ernährt, scheint es immer weniger zu geben – erst recht nicht für sogenannte langzeitarbeitslose.

Gutedel im Markgräflerland

immerhin: ich habe ein neues ehrenamt ergattert und nehme nun teil am bürgerschaftlichen engagement mit aufwandsentschädigung.

das ist ... äähm .... toll!

mehrmals in der woche sitze ich in einem netten kleinen lieferwagen und fahre durch die kleinen dörfer in meinem derzeit besonders schönen rebenherbstland, bringe heiße mittagsmahlzeiten hin zu alten oder behinderten menschen, die nicht selbst kochen können. „essen auf rädern“ heißt das.

das gefällt mir: ich komme vor die tür, begegne menschen, bin in bewegung.

dafür erhalte ich siebeneinhalb euro die stunde aufwandsentschädigung (auch 'übungsleiterpauschale' genannt), steuerfrei bis zu einem gesamtbetrag von 2100 euro im jahr. da die organisatoren einer christlichen glaubensgemeinschaft angehören, bin ich nun sogar caritativ unterwegs im namen des herrn.

siebeneinhalb euro die stunde sind ziemlich viel gotteslohn. dafür spart der herr sich aber auch einen arbeitsvertrag: ich kriege zwar einen dienstplan, aber weder kranken- noch sozialversicherung noch urlaub. auch rentenanwartschaften erwerbe ich nicht.

so kommt der herr auch nicht in konflikt mit den gewerkschaften.

andere träger - wie zum beispiel die AWO - machen aus dieser art von arbeit zum gleichen stundenlohn einen korrekten 400-euro-job - und zahlen pauschale steuern und sozialversicherung von sich aus drauf. das weiß ich aus zuverlässiger quelle (winkewinke & danke!). aber der christengott ist caritativ, also habe ich es auch zu sein. wozu brauche ich lohnfortzahlung im krankheitsfall oder mal urlaub oder später rente? ich habe doch plenty hartz IV!

das beste: obwohl ich hartz IV habe, darf ich meine kleine aufwandsentschädigung behalten, bis zu einem betrag von 175 euro im monat. yeah! das ist der vorteil zum 400-euro-job. da wären maximal 160 euro selbstbehalt möglich.

also bin ich unendlich dankbar und nehme, was ich kriegen kann. ich bin alt und brauche das geld.

dass ich da überhaupt mitmachen darf, habe ich nur dem ehemaligen doktor herrn von und zu guttenberg zu verdanken: schließlich hat der den zivildienst abgeschafft. nun gibt es seit juli 2011 keine neuen zivis mehr.

billige mittagessenlieferanten und andere soziale bzw. zivile dienstleister werden händeringend gesucht. und zwar so dermaßen dringend, dass ich bei der 'informationsveranstaltung' (nicht: "einstellungsgespräch"!) weder nach dem führerschein noch nach meiner konfession gefragt wurde. aummm.

mit siebeneinhalb euro gehöre ich da direkt zu den besserverdienenden:

einige meiner kollegInnen sind 1-euro-jobberInnen. hartz IV plus maximal 160 euro monatlich zuverdienst für eine halbe stelle.

oder praktikantInnen: ein halbes oder ganzes jahr lang vollzeit für ein taschengeld von 200 euro monatlich. diese art von ausbeutung wird noch nicht einmal als freiwilliges soziales jahr anerkannt.

dann gibt es noch die engagierten aus dem bundesfreiwilligendienst. genau, das sind die mit der öbszönen, abwertenden abkürzung: bufdi.

wenn ich den hässlichen ausdruck 'bufdi' schon höre, kriege ich die krätze. welch eine unverschämt: schließlich sind das menschen, die hier ihre kostbare lebenszeit, ihre unwiederbringbare freizeit einfach so herschenken. für eine "taschengeld" genannte vergütung, die weit unter dem liegt, was ihre zeit und arbeit wert sind - und sogar noch weniger ist als das, was bis vor kurzem die zivis erhalten haben. hätte man für die keinen respektvolleren namen finden können?!

wer sich diese unerträgliche abkürzung ausgedacht hat, gehört lebenslänglich selbst so genannt. mindestens.

auch die bufdis erhalten nur ein taschengeld, von dem sie niemals existieren könnten: die ausbeutung funktioniert aufgrund der tatsache, dass es sich hierbei meist um noch junge menschen handelt, deren eltern ihnen netterweise weiterhin kost und logis spendieren. auf diese weise subventionieren steuerzahlende eltern die gemeinnützigen einrichtungen.

will sagen: dass der gebrechliche 'herr von und zu kunde' für 5,90 euro sein heißes mittagessen kriegt inklusive bringdienst und servieren und fleisch kleinschneiden - das hat er nicht nur der jungen frau bufdi zu verdanken, die ihre freizeit opfert, sondern auch den spendablen eltern der jungen frau bufdi, die ihr mit kost und logis und kleidung ein leben im hotel mama finanzieren – anstatt von ihr zu erwarten, dass sie eigenes geld verdient.

also, wie gesagt, ich habe es gut. besser siebeneinhalb euro die stunde als nix. im auftrag des herrn.


--------

Dienstag, 23. August 2011

kurze maßnahme no. XXV

my very first schallplatte ....
.... war diese:

[Wum (Loriot) - Ich wünsch' mir ne kleine Mietzekatze]

damals war ich zehn. der krächzende hund sprach mir aus der seele.
leider haben die eltern weder ihn noch mich ernst genommen.

eine katze durfte ich nie nicht. haustiere waren verboten.
ich musste mich mit wum und wendelin begnügen. naja.
besser als nichts. immerhin konnte ich drüber lachen.
loriot hat also meine kindheit gerettet.
so was fällt mir oft erst ein, wenn es zu spät ist, um persönlich danke zu sagen.
danke loriot

die platte habe ich nicht mehr.
aber eine wunderbare mietzekatze.


--------



Sonntag, 21. August 2011

hochbegabt – ganz normal?

eine buchbesprechung

als ich vor knapp fünf jahren endlich den offiziellen iq-test bei mensa in deutschland machte, war ich ziemlich aufgeregt. es dauerte gefühlte monate, bis das ergebnis eintraf: die von mir erzielte sehr hohe hausnummer bestätigte meine heimliche vermutung aus schulmädchenzeiten und überraschte mich nicht wirklich.


das ergebnis schwarz auf weiß zu sehen, von einem psychologen unterschrieben, beruhigte mich ein bißchen. hatte ich meine intelligenz zumindest nicht versoffen in all den jahren.

die beigefügte einladung, dem verein der superschlauen doch bitte beizutreten, schmeichelte mir. ich folgte ihr nicht, weil a) das geld für den jahresbeitrag für hartz-IV-empfängerInnen im regelbedarf nicht vorgesehen ist und b) ich wenig sinn darin sehe, einem verein beizutreten, dessen aufnahmekriterium einzig ein IQ jenseits der 130 ist.

für meinen IQ kann ich nix. ich bilde mir nichts drauf ein. das ist kein 'besser oder schlechter', allenfalls ein wertfreies 'anders': angeboren wie meine grünen augen. ich kann weder das eine noch das andere ändern. höchstens kaschieren. es ist wie es ist. ich gehe damit um.

der brief mit dem ergebnis verschwand in einem ordner. ich hatte immer noch keine ahnung, was es mit der diagnose „hochbegabung“ tatsächlich auf sich hat – mal abgesehen von der tatsache, dass man dann vielleicht schneller rechnen kann.

erst durch mein blog und speziell eine meiner leserinnen entdeckte ich vor rund zwei jahren das thema für mich neu. ich las „Jenseits der Norm – hochbegabt und hochsensibel“ von Andrea Brackmann. das buch war eine offenbarung für mich. eine buchbesprechung habe ich damals im begabungsblog von Nathalie Bromberger veröffentlicht.

der klett-cotta verlag mochte meinen beitrag und war so nett, mir auch das zweite buch von Andrea Brackmann zuzusenden: „Ganz normal hochbegabt – Leben als hochbegabter Erwachsener“. so rasch nach dem ersten gelesen stand da für mich nicht viel neues drin. durch meine anstrengende situation als hochschulsekretärin war ich viel zu sehr mit mir selbst beschäftigt. für die einzelnen schicksale anderer „betroffener“ hatte ich damals weder kopf noch nerven.

als ich mich neulich dabei ertappte, dass ich im zusammenhang mit einer anderen diagnose an die hiesige universitätsklinik schrieb „im übrigen möchte ich darauf hinweisen, dass ich an einer hochbegabung 'leide'“ - habe ich mich an Brackmanns buch wieder erinnert und zog es von ziemlich tief unten aus dem bücherstapel auf meinem nachttisch hervor.

erstens darf es doch nun wirklich nicht sein, dass ich an meiner brillanz leide. zweitens tue ich auch Frau Brackmann damit unrecht und all den autorInnen in ihrem buch, die so offen von den freuden und qualen ihrer eigenen intelligenz berichten.

manchmal brauche ich einfach gleichgesinnte mit ähnlichen erfahrungen, um mich selbst wieder ins lot zu rücken. das ist wie mit der selbsthilfegruppe für trockene alkoholikerInnen. es hilft.

es hilft, darüber zu lesen, dass auch andere 'superhirne' nicht zwangsläufig erfolgreiche überflieger sind. damit hadere ich ja sehr: dass mein potential so brachliegt, weder gefordert noch gefördert (und vor allem: nicht angemessen honoriert) wird. dass ich andererseits ganz oft die schnauze voll habe davon, ständig 'denken' zu müssen und niemals abschalten zu können. bisweilen würde ich am liebsten auf einem niveau von, sagen wir: IQ 78 dahindümpeln. ruhe haben im kopf. nicht ständig alles hinterfragen und auch noch dem letzten i-tüpfelchen auf den grund gehen müssen; statt dessen die welt und das leben nehmen wie es kommt. zwar leicht debil sein, aber zufrieden.

die mit einem hohen IQ einhergehende hohe empfindsamkeit, von der ich niemals pause habe, erklärt auch – zum teil – meinen hohen alkoholkonsum über jahrzehnte hinweg: wenn es mir zu viel wurde, habe ich meine sinne mit alkohol betäubt, die immer grellen wahrnehmungen gedämpft und weichgespült. das erklärt auch, warum es mir jetzt, auch nach jahren ohne droge – in dieser hinsicht schlechter geht als vorher: meine wache belastbarkeit beträgt nur einen bruchteil von der im betäubten zustand. ich 'funktioniere' nicht mehr so 'gut' wie früher; musste lernen und lerne immer noch, meine eigenen grenzen überhaupt erst wahrzunehmen, sehr viel enger zu stecken als ich es mir für mich selbst wünschen würde – und mich damit abzufinden, dass ich meinen eigenen hohen ansprüchen niemals mehr werde gerecht werden können.

Andrea Brackmanns buch hilft mir also sehr, noch einmal aus verschiedenen blickwinkeln beleuchtet zu erfahren, dass hochbegabte z.b. nicht nur 'schneller denken' können, sondern auch ein vielfaches an informationen aufnehmen und dieses viele obendrein auch noch heftiger empfinden: dadurch mehr verarbeiten müssen und in manchen bereichen leichter überfordert und auch oft langsamer sind als 'normal begabte'.

außerdem wäre frau Brackmann nicht sie selbst, wenn sie das runde dutzend sehr berührender lebensgeschichten von hochbegabten erwachsenen einfach nur kommentarlos aneinandergereiht hätte.

während hochbegabte kinder immer häufiger frühzeitig als solche erkannt werden und eine angemessene förderung erhalten, geht man bei erwachsenen scheinbar immer noch davon aus, dass es sich 'irgendwann auswächst'. das tut es jedoch nicht. es bleibt uns erhalten!

ebenfalls im buch zu finden sind daher hinweise zum aktuellen stand der forschung, tipps und anlaufstellen; dazu eine übersicht samt kritischer bemerkungen zu den gängigen IQ-tests und – für mich mit das wichtigste: eine sehr einfühlsame zusammenstellung der wichtigsten merkmale von hochbegabung mit den allerschönsten verhaltensempfehlungen, damit umzugehen, ohne ständig sich selbst zu zerfleischen.

meine lieblingsstelle kommt fast am schluss: die liste der sogenannten 'häßlichen wörter'. dabei handelt es sich um eine beliebig erweiterbare aufzählung von meist 'sozialen' situationen, die für menschen mit hochbegabung oft nur schwer auszuhalten sind. ich zitiere: „Betriebsausflug, Großputz, Stuhlkreis, geselliges Beisammensein, Supermarktmusik, Schützenfest, runde Geburtstage, Höflichkeitsfloskel, Schwimmbad, Großraumbüro ....“

ich empfinde es als sehr wohltuend, mich zu solcherlei nicht mehr zwingen zu müssen, nur weil alle anderen das normal finden; statt dessen nun endlich sagen zu dürfen „nein danke, das ist nichts für mich“ und mich an derlei aktivitäten nur noch zu beteiligen, wenn es überhaupt gar nicht anders geht. oder früher zu gehen, wenn es mir zu viel wird und für danach ausreichend pause zum kräftesammeln einzuplanen.

ebenfalls wohltuend die erkenntnis, dass solcherlei 'hochbegabte empfindlichkeiten' weder durch therapie noch durch mehr selbstdisziplin kurierbar sind. ich bin und bleibe eine empfindliche zicke. das erleben der eigenen hochbegabung und der umgang damit sind täglich neue herausforderungen, vermutlich bis an mein lebensende und ohne pause.

diese aussicht ist nicht gerade beruhigend. aber mit meinem kreativen hochleistungsgehirn dürfte auch das zu schaffen sein.


Andrea Brackmann
Ganz normal hochbegabt
Leben als hochbegabter Erwachsener
Klett-Cotta Leben!
ISBN 978-3608860061
derzeit 14,95 €

--------

Mittwoch, 27. Juli 2011

sparsam II

besondere maßnahme no. XXIII

ich schäme mich. ich schäme mich so sehr, dass ich diesen text bereits seit zwei wochen vor mir herschiebe. dabei ist er mit verdammt wichtig!


schon schlimm genug, dass eine nicht arbeiten darf bzw. für ihre arbeit nicht angemessen honoriert wird, ihren lebensunterhalt nicht mehr selbständig bestreiten kann, sich irgendwann in hartzIV wiederfindet und von der politischen und medialen öffentlichkeit als sozialschmarotzerin aus der bildungsfernsten schicht bezeichnet wird.

da ich ohnehin nur noch bodensatz der gesellschaft bin, kann ruhig noch einer drauftreten:

nun bin ich auch noch kreditunwürdig!

meine anleihen haben nicht einmal mehr schrottstatus, sind allerunterster ramsch! meine sparbank will mit mir keine geschäfte mehr machen.

das kündigte sich ja bereits anfang des jahres an, als die erbsenzählerische dorfsparbankfilialleiterin mir am telefon einen moralischen vortrag hielt über sinn und zweck von dispokrediten.

vergangene woche gab es die fortsetzung, als an einem sonnigen nachmitag zur besten mittagspausenzeit um halb drei mein telefon klingelte.

es begrüßte mich überschwenglichst oberfreundlich die mir persönlich bekannte und bislang nicht unsympathische schalterangestellte meiner dorfbankfiliale: sie wollte mir gratulieren.

erst war ich etwas verdutzt: gratulieren?! ich konnte mich nicht erinnern, an einem preisausschreiben teilgenommen zu haben.

sie gratulierte mir aber nicht zu irgendeinem hauptgewinn, sondern dazu, dass ich innerhalb eines halben jahres meinen dispokredit bzw. dessen inanspruchnahme um mehr als die hälfte gesenkt hatte. „ich bin richtig stolz auf Sie - und Sie können das auch sein, das ist in der heutigen zeit eine starke leistung!“

so sprach sie von oben herab, als ob ich ein schulmädchen sei, das am weltspartag mit einem vollen sparschwein und stolzem breitwandgrinsen vor ihrem schalter steht.

wie demütigend! ich kenne meine finanzen! ich bin zwar oft am limit, aber dafür zahle ich gebühren - und zwar nicht zu knapp! es ist ja nicht so, dass die sparbank mir irgendwelche almosen gäbe, ganz im gegenteil. meine zinsen zahlen der frau schalterangestellten nicht nur das gehalt, sondern auch ihr schickes geheiztes büro samt altersvorsorge.

sogleich änderte sie den ton und druckste herum: „Sie kriegen ja arbeitslosengeld zwei ....“ richtig. und zwar regelmäßig jeden monat in angemessener höhe. ich bejahte also diese seltsame banker-rhetorik. jeder anderen mit einem ähnlichen einkommen würde sie einen dreifach dimensionierten disporahmen anbiedern.

madame sparbank druckste weiter. ob wir denn jetzt das dispolimit mal allmählich senken könnten?

ich verneinte. wozu? schließlich ist es ihr business, anderen leuten geld zu leihen. an mir verdient sie nicht schlecht: ihre zinsen sind nicht von pappe und haben sich gewaschen. außerdem sieht sie doch, dass ich in der lage bin, meine schulden auch zügig wieder abzuzahlen. dazu hatte sie mir ja eben erst gratuliert!

trotzdem wollte sie mit der sprache nicht so recht heraus. also sagte ich ihr klar aber freundlich meine meinung und dass ich mit meinem dispo in der bisherigen höhe sehr zufrieden sei.

dass ich seit fast zehn jahren ihre kundin bin mit ebendiesem dispo, beeindruckte sie nicht: „damals waren wohl die regeln noch nicht so streng.“ welche regeln, wollte sie mir nicht sagen. ich nehme an, dass der unterschied darin liegt, dass man ein beliebiges einkommen pfänden kann, arbeitslosengeld2 aber nicht.

ich erzählte ihr von dem neujahrstelefonat mit ihrer vorgesetzten, dass das ja wohl alles andere als professionell gelaufen war. nebenbei: ich fand das überhaupt nicht gut, dass auch sie mich nun am telefon überfiel, um so heikle dinge wie meinen dispokredit zu besprechen.

frau sparbank: „ja, ich sehe Sie ja gar nicht mehr in der filiale!“ - wozu? ich habe ein onlinekonto, da brauche ich den schalter nicht. „außerdem, so am telefon, da hört doch wenigstens keiner mit. oder wäre es Ihnen lieber, wir besprechen das am schalter, wo alle zuhören können?“

wie bitte?! gibt es kein bankgeheimnis?! habt ihr keinen besprechungsraum?! könnt ihr keinen termin vereinbaren?! ich war nicht mehr nur genervt, sondern wurde allmählich grantig.

ich erzählte ihr weiter, dass ich nach der für mich sehr negativen erfahrung mit der filialleiterin anfang des jahres beschlossen hatte, meinen dispo abzuzahlen und dann zu einer anderen bank zu wechseln. das beeindruckte sie nicht:

„ja so ist das nun aber nicht gemeint, dass wir sie als kundin nicht mehr wollen.“ - aha. und?! „aber den dispo müsste „man“ jetzt trotzdem mal allmahlich senken.“ sie versuchte also weiter, mir eine streichung meines dispos unterzujubeln – aber ich wollte nicht. nicht freiwillig.

frau sparbank redete immer noch keinen klartext. also fragte ich sie auf den kopf zu:

„habe ich das richtig herausgehört, dass sie anweisung haben von ihren vorgesetzten, mir den dispo zu kappen und dass sie hier telefonisch mit mir ein erfolgserlebnis brauchen, weil sie sonst selbst großen ärger kriegen?!“

es kam zwar kein klares ja, aber sie druckste weiter und widersprach mir nicht. ich war inzwischen nicht nur sehr gedemütigt, sondern auch sehr wütend – denn ich kann schleimige halbwahrheiten nicht ausstehen:

da hatte also die fiese dorfsparbankfilialleiterin ihre nette angestellte vorgeschickt mit dem auftrag, mir druck zu machen. ich tat ihr den gefallen nicht, damit freudig und demütig dankend einverstanden zu sein. ich weiß, dass sie weiß, dass eine sofortige kündigung meines dispos zwecklos ist, weil sie mein alg2 nicht pfänden darf.

aber ich ließ mich schließlich darauf ein. wir vereinbarten eine senkung des disporahmens um dreißig prozent. ihr zuliebe. damit sie nicht meinetwegen ärger kriegt. das sagte ich ihr genau so.

um mal tacheles zu reden: es geht um 1400 euro disporahmen. derzeit stehe ich da noch mit 600 in den miesen. also echte peanuts! aber für mich sind die wichtig. wer wenig geld hat, kommt schneller mal in die bredouille, wenn es überschneidungen gibt.

nun gut. es ist wie es ist. ich werde dieser 'besonderen behandlung' nicht nur mit einer, sondern gleich mit zwei besonderen maßnahmen begegnen:

nach einer anderen bank habe ich mich schon umgesehen: ich mache mit bei der aktion krötenwanderung von attac. das wurde sowieso höchste zeit.

da werde ich zwar zunächst keinen dispo kriegen, den muss ich erst auslösen. aber egal. dafür darf dann eine ethisch-grüne bank mit meinen kleinen pfunden wuchern.

gleichzeitig habe ich mich beteiligt am aktuellen aufruf der stiftung warentest: der Bundesverband der Verbraucherzentralen sucht menschen für eine musterklage gegen überhöhte dispozinsen. meine sparbank steht da auf der liste. und ich bin der meinung, dass ich in den letzten jahren eindeutig zu viele zinsen bezahlt habe. die verbraucherzentrale sieht das genau so.


--------

Mittwoch, 13. Juli 2011

spießige geranien?

kurze maßnahme no. 23

hier in meiner südwestdeutschen wahlheimat fallen mir jedes jahr im sommer die vielen geranien auf den balkonen und vor den fenstern ins auge. egal, ob ich in meinem kleinen winzerdorf oder sonstewo unterwegs bin.

gasse in burkheim am kaiserstuhl

nicht, dass ich in meiner westdeutschen jugend oder später in berlin keine geranien gekannt hätte. mein auge freut sich immer sehr über die bunten farbtupfer im deutschgrauen einerlei.

aber ständig habe ich die stimme eines längst verflossenen verliebten im ohr, der einmal sagte: „geranien sind spießig. geh blooß nicht nach süddeutschland. da hängen tonnenweise geranien von den balkonen!“

also freut sich mein auge ein bißchen weniger. leider. denn eigentlich sind ja nicht die blumen spießig, sondern die menschen, die hinter diesen blumenkästen leben. angeblich. und mit spießigen leuten will ich lieber nichts zu tun haben. da bin ich wie mein alter freund.

aber meinen südwesten mag ich doch. die – meist – freundlichen bewohner mag ich auch. sie wehren sich gegen kernkraftwerke und gegen laute eisenbahnstrecken. da sind wir einer meinung.

im grunde mag ich auch geranien. ich hätte sogar selbst welche, wenn sie denn auf meinem schattenbalkon gedeihen würden. alles habe ich versucht, aber es ist zwecklos: das vorgezogene dach und der große blauglockenbaum vor dem südfenster lassen im sommer kaum licht durch. ich sehe hier eine pflanze nach der anderen eingehen. nicht einmal nachtschattengewächse wollen hier gedeihen.

„geranien stinken wie nasse türklinken. kauf die blooß nicht!“ hatte der berliner freund mir meine balkonbepflanzung madig gemacht. ehrlich gesagt, ich weiß bis heute nicht, wie nasse türklinken stinken. damals habe ich trotzdem ein paar geranien gekauft. weil sie fast von alleine wachsen und so schön bunt sind. außerdem schützen sie mit ihrem geruch meine wohnung vor mücken - und damit vor allem mich!

aber spießig wollte ich deswegen nicht geschimpft werden. wer will das schon? nicht mal spießer wollen das. aber lässt man deswegen seine geranien vertrocknen? keineswegs. die können doch nichts dafür!

statt dessen frage ich mich, woran mein freund die gesinnung der leute im winter erkennen will, wenn die geranien von den balkonen verschwunden sind.


--------

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...