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Januar 2021

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Sonntag, 17. Oktober 2010

rituale no. 2 – la caffettiera

ich schrieb es schon mal zu anfang des jahres, als ich von meinem sonntagsfrühstück berichtete, dass mir rituale - also die kleinen selbstgewählten regelmäßigkeiten im alltag - halt geben.

hat eigentlich irgend eineR von euch gemerkt, dass ich da im februar ein kochrezept verbraten habe? so weit war es gekommen mit mir! ‚damals‘ gehörte ich zur arbeitenden bevölkerung, meine akkus waren ziemlich leer: eier mit speck füllten meine kreativen lücken.

espressokocher: VeV viganò, 1990

zur zeit bin ich wieder freie radikale. das bedeutet: ich produziere drei bis vier texte in der woche, gebe kurse zwei bis drei mal im monat. den rest der zeit bin ich damit beschäftigt, meinen alltag zu organisieren, irgendwie wieder boden unter die füße zu bekommen und diese bodenhaftung dann auch möglichst zu behalten.

rituale sind da ganz besonders wichtig, weil sie mir helfen, struktur in mein leben zu bringen. die bereits erwähnten ‚eier mit speck‘ gibt es bei mir ungefähr einmal in der woche. es gibt auch rituale, die finden täglich statt. ganz regelmäßig, ohne ausnahme.

die rede ist von meinem allerliebsten lieblingsritual. damit beginnt mein tag. ein tag, der so nicht beginnt, ist keiner:

das kaffeekochen. mit dem italienischen espressokocher. seit dreißig jahren geht das schon so. quasi jeden morgen. verschone mich bloß mit filterkaffee!

meine erste caffettiera bekam ich mit achtzehn. von einem italienischen freund aus rom. die war noch aus aluminium, in der typischen achteck-form, per due tazze. bei uns im rheinland kannte man das damals noch nicht. für die ersatzteile fuhr ich ‚mal eben‘ nach roma. den schlüssel für die wohnung in tiburtina hinter der stazione termini besitze ich noch heute.

später wurden meine espressokocherinnen größer. die aktuelle ist aus edelstahl, natürlich aus italien, sechs tassen. sie bedient mich seit zwanzig jahren mehrmals täglich. es ist jeden morgen dasselbe in meiner kleinen zwergenküche, ein fest einstudierter tanz:

caffettiera von der anrichte nehmen. vierteldrehung nach rechts. ober- und unterteil auseinanderschrauben. sieb herausnehmen. kaffeerest vom vortag in den müll schnicken. alle teile kurz abspülen. trocknen. wasser ins unterteil einfüllen. vierteldrehung links. unterteil absetzen. sieb einsetzen. halbe drehung rechts: kaffeedose mit links vom regal nehmen. den kaffeelöffel, der immer obenauf liegt, in die andere hand. halbe drehung zurück nach links, derweil den deckel von der dose abnehmen. drei portionen pulver ins sieb füllen. kaffeelöffel leicht auf den siebrand schlagen, damit letzte pulverkörnchen abfallen. halbe drehung nach rechts. derweil deckel auf die kaffeedose drücken. dose im regal abstellen und löffel obenauf legen. viertel drehung nach links. caffettiera-oberteil von der spüle nehmen. viertel drehung nach links. oberteil aufs unterteil schrauben. gut festzurren. dabei richtigen drehmoment abpassen.

dann wird‘s sportlich: griff nach links oben, leichte körperdehnung: da steht der rote campinggaskocher im regal. der espresso muss aufs feuer. in berlin hatte ich gasherd und passende verkleinerungsringe. hier in dreyeckland südwest habe ich nur eletroherd. schrecklich. damit kann man aufwärmen, aber nicht kochen. erst recht keinen kaffee. etwa alle zehn bis vierzehn tage braucht der kocher eine neue kartusche.

den gaskocher auf die anrichte stellen. caffettiera obenauf mittig ausrichten. anzünden mit streichholz. feuer zu feuer. ende des ersten akts.

es geht gleich weiter mit einer halben drehung und griff nach rechts rückwärts: die stehen die großen milchkaffeeschalen im regal. die lieblingstasse für den tag auswählen, körperdrehung zurück, tasse abstellen. vierteldrehung nach links, kühlschranktüre öffnen, milchtüte aus der tür nehmen, kühlschranktüre schließen. etwas milch in die tasse füllen. dabei zähle ich bis drei. dann ist immer gleich viel milch in der großen tasse. milchtüte zurück in den kühlschrank.

die schöne tasse mit dem schluck milch kommt jetzt für dreißig sekunden in die mikrowelle. dann ist die milch warm, die tasse ebenso. nichts ist schlimmer, als heißen kaffee in eine kalte tasse zu füllen. pfui!

bis der kaffee sich gemacht hat, haben wir eine kurze pause. zeit genug, um das katzenfutter zu richten oder die spülmaschine auszuräumen.

wenn der espresso aus dem röhrchen sprotzelt und faucht – oh wie ich dieses geräusch liebe, und erst den duft dazu! - dann wird die milch mit dem schneebesen schaumig gerührt. hauptsache, die milchhaut ist mikroskopisch klein zerstückselt. die mag ich nämlich nicht.

dann den espresso schwungvoll hinein, möglichst nach latte art ein herzchen in den schaum dekoriert. caffetiera abstellen, den feuerwehrroten gaskocher wieder hoch ins regal mit leichter drehung und dehnung nach links oben. zurück auf den boden, griff ins regal geradeaus hinter dem herd: kleine kakaowolke auf den milchschaum stäuben. fertig.

und dann. dann! jaaaaa!

während ich dies schrieb, habe ich zwei mal kaffee gekocht. es ist aber auch zu schön.


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Mittwoch, 13. Oktober 2010

kaffeehaus

das tal versinkt im herbstnebel, mein büro ist heute völlig aussichtslos. nicht mal mehr die kirche ist noch im dorf.


was bin ich da froh, dass ich - gestern erst! – mir den luxus einer sonnigen kaffeehaussitzung gegönnt habe. für viele menschen ist das nichts besonderes, die machen das jeden tag. früher war das bei mir nicht anders. die lebensumstände haben sich geändert.

wenn eine am prekären rand der gesellschaft lebt, will jedes ‚die wohnung verlassen‘ sehr gut überlegt und geplant sein, denn es ist (fast) immer mit ‚geld ausgeben‘ verbunden: „wenn ich heute da und da hinfahre, reicht das benzin im tank dann in der kommenden woche noch für den arztbesuch in der stadt?“

ich hasse diese erbsenzählergedanken, aber ich muss sie mir machen. auf dem land sind die wege weit, ich habe nicht immer die kraft, alles mit dem fahrrad zu erledigen.

[.... genau an dieser stelle muss ich beim ‚schreiben im nebel‘ jetzt sehr sehr aufpassen, dass mir nicht nur jämmerliche gedanken und „esistallessoanstrengendleerundlieblosinmeinemleben“-sätze in die tastatur wollen. das ist schrecklich! vier mal schon habe ich neu angefangen mit meinem heutigen text]

also noch mal von vorne:

gestern war ein milder sonniger herbsttag. ich war mit dem rad in der großen stadt zu einem arzttermin. frühmorgens losgeradelt bei temperaturen knapp über null (auf den autoscheiben war noch frost), eingepackt in handschuhe, schal und mütze, konnte ich am mittag ohne jacke draußen bei fast 20 grad in der sonne sitzen. wonne!

kaffeehaussitzungen sind für mich selten geworden. ich tue dann so, als wäre ich im urlaub, nehme mein notizbuch und schreibe auf, was ich sehe, was ich denke.... nix literarisches, eher geschriebene skizzen. so, wie andere leute fotografieren oder bilder malen.

das 'schreiben in cafés' begleitet mich seit mehr als dreißig jahren. immer, wenn ich alleine unterwegs bin. viele meiner tagebücher sind an kaffeehaustischen entstanden. wenn ich das heute noch einmal lese, erinnere ich mich an die schönen aussichten von damals. und an das strahlende lächeln charmanter kellner, die mir den milchkaffee servierten, als wäre es der hauptgewinn im lotto.

wenn ich mit begleitung im café sitze, dann gucke ich gern leute und lästere übers volk. das hat mir mein arzt verordnet. ich soll auf keinen fall immer nur probleme wälzen und psychologisieren. „Das ist Gift für die Seele! Setzen Sie sich mit der besten Freundin auf einen Ausflugsdampfer, ziehen sie über die anderen Passagiere her und machen sich einen lustigen Nachmittag!“ das hat der gesagt. damals, in berlin.

ohne begleitung ist das schwer möglich: ich bin zu schüchtern, um laute selbstgespräche zu führen. also schreibe ich alles auf. das ist sehr erholsam für mein herz, ein kurzes ausruhen vom kargen leben im prekariat. tiefes aufatmen von der oft schwierigen organisation des alltags.

kaffeehaussitzungen zählen zu den besonderen maßnahmen. ich versuche, mir das so oft wie möglich zu schenken: der kleine luxus eines milchkaffees auf der sonnenseite gehört zu meinen lebensnotwendigkeiten. auch wenn die aussichten nicht mehr so schön sind und das lächeln der kellner gerade noch für einen trostpreis reicht.


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Donnerstag, 7. Oktober 2010

vertrauenssache

es hat ein bißchen was von schlaraffenland. ich gehe im dorf spazieren oder bin mit dem rad unterwegs im markgräflerland. immer wieder sehe ich da unterwegs ein tischlein-deck-dich - am straßenrand, an der hausecke, vor einer gartenmauer ....

weinbeeren: gutedel

je nach jahreszeit frisch bestückt mit allem, was der private garten gerade so hergibt – und was die gärtnerin im augenblick selbst nicht verwerten kann.

jetzt im herbst sind das weinbeeren, kürbisse, äpfel, nüsse. im frühjahr spargel, erdbeeren oder kirschen. blumen der saison aus dem bauerngarten. im sommer gemüse und kräuter, frisch gekochte marmeladen und gelees, manchmal in abenteuerlichen kombinationen wie zum beispiel birne-rosmarin.

früchte und gemüse: markgräflerland

immer liegt eine preisliste dabei. oder es kleben kleine schilder auf der ware. eine kasse steht auf dem tisch, manchmal eine kaffeedose mit schlitz im deckel oder ein sparschwein. kein mensch weit und breit. das bißchen, was der garten übrig hat, reicht nicht für einen eigenen laden, geschweige denn für den verkauf irgendwo anders.

die ernte teilen: herbst 2010

die dorfbewohner teilen ihre ernte mit den nachbarn. wie ich das liebe! ich nehme, was mir gerade in den speiseplan passt, freue mich riesig über frische ware, zudem meist noch bio – und zähle mein kleingeld passend ab.

dieses vertrauen rührt mich so sehr an, dass ich es mit dem herzen kaum fassen kann. und nie, aber auch wirklich niemals käme ich auf die idee, an einem solchen ort die zeche zu prellen.


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Mittwoch, 29. September 2010

was bleibt

mit dem loslassen bin ich noch längst nicht fertig. das ist für mich ein lebenslanger prozess, alles ist immer im fluss. manchmal gerät er ins stocken. manchmal gibt es ereignisse im innen oder außen, die ihn beschleunigen.

strandgut: sand, granitkiesel, rosa rugosa, haselnüsse, muscheln

die zeit am meer war für mich eine solche gelegenheit. sehr erstaunlich, mit wie wenig zeug ich doch eine ganze weile ganz prima ausgekommen bin. andere hatten weitaus mehr gepäck als ich. in beide richtungen.

natürlich ist auch bei mir einiges dazugekommen. ein neuer sand zum beispiel für meine sandstrandsandsammlung. auch die getrocknete rosenblüte von der promenade bleibt ein weilchen. ebenso die zwei noch nicht eingelösten zaubernüsse, die das rote eichhörnchen im patientengarten mir vor die füße warf.

untrennbar verbunden mit der frage „was lasse ich gehen?“ ist der andere pol: was nehme ich mit? was wird mich noch eine weile begleiten? was ist mir wichtig? was gibt mir halt, im augenblick?

die antwort auf diese fragen ist niemals endgültig. anders als die nach dem loslassen. was ich einmal weggegeben habe, ist für immer fort. bei dingen, die ich jetzt behalte, kann ich mir die gleiche frage in einem monat oder einem jahr noch einmal stellen.

das macht das loslassen für mich schwieriger als das behalten.

außerdem stelle ich fest, dass mit zunehmendem alter meine dinge sich vermehren. ist das so, weil ich jetzt, mit ende vierzig, mehr gelegenheiten gelebt habe, an die ich mich erinnern möchte als - sagen wir mal – mit achtzehn? mit achtzehn zog ich von den eltern fort und nahm fast nichts mit. mein umzugszeug passte damals in zwei pappkartons. inzwischen brauche ich einen mittelgroßen LKW.

warum ist das so viel geworden? habe ich angst, dass meine erinnerung mich vergisst, wenn ich keine beweisstücke mehr in meiner nähe habe? ich gebe zu: ja, das habe ich. manchmal blättere ich alte briefe durch und weiß nicht mehr, wer das überhaupt war, die mir da so liebevoll geschrieben hat. dann erschrecke ich sehr.

seitdem ich finanziell so prekär dastehe, behalte ich mehr als früher, gebe weniger fort. schätze mal, das ist die angst, die dinge nicht mehr einfach so nachkaufen zu können, falls ich sie doch mal wieder brauchen sollte. je weniger geld eine hat, desto mehr gibt sie ja anteilig aus. wenn man tausend euro hat im monat, sind 25 euro für eine handgefertigte schöne milchkaffeetasse aus hauchdünner keramik im verhältnis weniger als wenn man nur 350 hat. das macht die einzelnen dinge wertvoller, auch wenn der preis der gleiche ist.

es ist - merkwürdig genug - auch ein elterlich erlebter alptraum, der mir als kind vererbt wurde. die waren ausgebombt im krieg. nichts mehr gehabt als die kleider am leib. es war schon seltsam genug, als ich mal den wohnungsschlüssel verloren hatte. ich wusste doch, die wohnung war noch da und all mein zeug darin ebenso.

aber die umgekehrte vorstellung: den schlüssel in der tasche zu haben, nach hause zu kommen – und die ganze wohnung und alles zeug darin ist weg und auf immer verloren?!  ich träume das oft, dass ich irgendwo bin, wo eigentlich meine wohnung sein sollte – aber ich bin da ganz verkehrt, gehöre da nicht hin, darf da nicht mehr sein, habe kein zuhause mehr. alles weg. alles sehr feindlich. kein ort mein ort, nirgends nicht.

irgendwie macht‘s auch die einsamkeit, das beziehungsfreie flottieren im kosmos, dass ich mein herz bisweilen mehr an dinge hänge. es ist ja nur ganz selten jemand da, mit der ich solche entzückenden kleinigkeiten wieder wachrufen könnte, wie damals …. „weißt du noch, als wir miteinander auf bali waren, in dem künstlerdorf klungkung, abends auf dem nightmarket, an dem kleinen food-stall die frau mit den schwarzen betel-zähnen, der ihre hühnersuppe, wie lecker die war?!“

als der kokosnussschalensuppenlöffel, den ich mir damals kurz vor oder nach der suppe dort gekauft hatte, kaputt ging – da habe ich rotz und wasser geheult. es ist, als ob es jetzt keinen zeugen mehr gäbe für mein abenteuer.

aus genau diesem grund müssen manche sachen einfach bleiben, bis sie auseinanderfallen. die könnte ich niemals weggeben. weil sie eine geschichte haben, die kein anderer kennt und die nur für mich wichtig ist.

das kleine pressglaskännchen zum beispiel, das seit jahr und tag in allen wohnungen egal wo ich war alle umzüge mitgemacht und überlebt hat, immer mit bestem olivenöl gefüllt in meinem gewürzregal am herd steht und täglich in gebrauch ist, und das, obwohl es eigentlich ein bißchen häßlich ist und als ölkännchen viel zu klein und – was noch schlimmer ist – obwohl es tropft! dieses glaskännchen stand vor mehr als einem vierteljahrhundert an einem geburtstagsmorgen als geschenk mit einer rose drin vor der tür meiner studentenbude. so viel liebe kann ich doch nicht einfach wegwerfen! keine frage: das bleibt.

das weggeben übrigens, fällt mir leichter, wenn ich weiß, dass dinge, die „noch gut“ sind, irgendwo anders weiter benutzt werden. in vielen städten gibt es mittlerweile verschenkmärkte. das sind webseiten für kostenlose kleinanzeigen, wenn man seine sachen kostenlos hergibt. das verringert den sperrmüll einerseits, spart geld und schont die umwelt. schicke sache das.

dann gibt es natürlich noch freecycle – das weltweite verschenkenetzwerk – mit ganz vielen lokal organisierten gruppen auch in deutschland. da habe ich schon einiges hingegeben, leichten herzens – und auch schon das eine oder andere „für umme“ abgestaubt.

da ist dann zwar „die sache“ weg - aber es bleibt ein gutes gefühl, ein ganz aufgeräumtes.


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Donnerstag, 23. September 2010

loslassen

pünktlich zum herbstanfang kullerte mir die erste kastanie vor die füße. da war ich bei fast sommerlichen temperaturen mit dem fahrrad unterwegs. bergab. mit rückenwind. trotzdem habe ich gebremst und die kastanie in meine hosentasche gesteckt.


weil ich das jedes jahr so mache. die kastanie, sagt man, verbessert die willenskraft. in ihr steckt die ganze kraft des sommers. diese kraft soll mich über den winter tragen. die erste kastanie nach den großen ferien macht mich stark. deswegen hebe ich sie auf und nehme sie mit.

was denn, der sommer schon wieder vorbei? ja. schon vorbei. der kastanienbaum trennt sich von seiner jahresproduktion an fortpflanzungsmitteln. eine gute zeit für mich, um auch selbst loszulasssen. oder zumindest ‚loslassen zu üben‘.

loslassen ist wichtig. es erleichtert, kann mich aber nicht nur heiter, sondern auch traurig stimmen. es ist immer auch ein abschied im loslassen, das gefühl von wehmut. ein weh und ein mut – alles zugleich!

loslassen ist wichtig, aber es ist nicht immer einfach. ich bemühe mich schon im alltag, nicht allzuviel anzusammeln. dann muss ich auch nicht so viel loslassen am ende.

also habe ich zum beispiel mit mir selbst so eine art vereinbarung getroffen, dass ich für jedes kilo zeug, das ich in meine wohnung hereintrage, irgendein anderes kilo zeug wieder hinausbringe. es funktioniert nicht immer. aber es hilft mir, nicht völlig dem sammeltrieb zu verfallen.

die chinesen haben ein sprichwort: wenn das alte nicht geht, kann das neue nicht kommen.

loslassen schafft platz. materiell - in der wohnung. immateriell - in der seele, im herzen.

alten kummer, alten groll loszulassen ist genau so wichtig wie endlich diesen karton wegzuwerfen mit alten verbindungskabeln aus meinen längst vergangenen ü-wagen- und pressekonferenz-zeiten. damit mache ich ganz sicher keine reportage mehr. loslassen. weg damit.

tonnenschwere steine. alte blumentöpfe, ganz verkrustet. weg damit.

manchmal passiert das loslassenkönnen wie von selbst: da gab es eine böse alte seelenwunde, eine kränkung sondergleichen. weil mal ein mann, den ich damals sehr liebte und von dem ich dachte, dass wir glücklich miteinander wären, mich schnöde gegen eine andere ausgetauscht hat. bescheid gesagt hat er mir natürlich erst, als sein frauentausch für ihn schon längst in trockenen tüchern war: „ich liebe dich halt nicht mehr.“ aus und vorbei. gründe konnte er mir nicht nennen. die andere wärmte ihn besser als ich. so war das halt. der schuft.

das chinesen-sprichwort also etwas abgewandelt: wenn der alte nicht geht, kann der neue nicht kommen.

viele jahre habe ich dem nachgetrauert. so sehr war ich verletzt und vor den kopf gestoßen. traue niemals einem mann und erst recht nicht traure um einen. ich kann aber auch hartnäckig sein in meiner trauer. bis ich neulich im internet zufällig über ein aktuelles foto von meinem ehemaligen prinzen surfte. da sieht der so was von bieder und fettig aus, und erst dieser alberne ziegenbart – also neee. zack! entzaubert. let him go. wozu google nicht alles gut sein kann.

nicht nur die kastanie lässt los. von heute an ist herbst. die meisten bäume werden demnächst ihre blätter loslassen. kräfte konzentrieren im innern. in den hügeln ringsum ist die weinlese in vollem gange. ernten, was geworden ist. loslassen, was im kommenden winter nur noch lästiger ballast wäre.

pflanzen haben es da einfacher als unsereins. die können nicht denken. die trauern nicht um ihre verlorenen früchte und blätter. außerdem geht im nächsten frühjahr sowieso alles wieder von vorne los.

für menschen ist das nicht so einfach. im großen gesehen, haben wir nur einen einzigen zyklus. wenn es einer den lebenssommer verhagelt, sehnt sie sich nach der jugend zurück, möchte noch mal von vorne anfangen dürfen – damit der herbst und der winter nicht so karg und so kalt werden.

pech gehabt. die jugend ist vorbei. loslassen die alten geschichten! unwiederbringbar. das leben fängt nicht irgendwann an, wenn ich dieses noch und jenes noch erledige und durchhalte. nein. das leben geht einfach immer weiter. und irgendwann war‘s das dann.

ausatmen. loslassen.

es ist vollmond heute, zum herbstanfang. bei abnehmenden mond fällt das loslassen angeblich leichter. ab jetzt also: ausatmen. loslassen.

einen neuen anlauf nehmen, tief einatmen – und loslassen mit dem ausatmen. es geht. es geht.

ich beginne mit einfachen übungen:

zeug bei ebay verkaufen, zum beispiel. das verstopft doch nur die ecken. die nicht benutzte caffetiera. ausatmen. loslassen. die schöne alte indische tagesdecke. ausatmen. loslassen. ein paar bücher, die ich sicher nicht noch einmal lesen werde. ausatmen. loslassen. das epiliergerät. ausatmen. loslassen. jedes kilo weniger zählt.

schwieriger ist es mit dem seelenballast, mit altem groll. ausatmen. mit grindigem kummer. ausatmen. ungeweinte tränen. atmen hilft. auch wenn es nicht so locker sitzt. ausatmen. loslassen. immer wieder. ich übe. das einatmen kommt von alleine. aktiv ausatmen ist wichtiger. bei schwierigen dingen zählt jedes gramm einzeln.

ich schau die kastanie an und weiß, was ich zu tun habe. weg ist weg: da weiß ich immer, wo es ist.

die inventur geht weiter ...


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Sonntag, 19. September 2010

wieder da II

ebenfalls aus dem ‚urlaub‘ zurück und schon seit einer woche wieder im büro: das katzebutz!


das ist äuglein, meine hütekatze. sie darf bei mir wohnen, während ihre besitzerin sich in fernnordost aufhält, in der stadt des langen frühlings. das kann dauern. es ist sehr weit weg. auch wenn es sich in zeiten von skype anhört, als wäre sie gleich um die ecke. ich vermisse die freundin sehr. dass die katze bei mir sein darf, ist ein großes vertrauensgeschenk.

so ist das im leben: die eine geht, die andere kommt. weil es sich um ein paar wochen überschnitt, war die katze so lange in einer katzenpension. dort habe ich sie am vergangenen sonntag abgeholt. eine erfahrung der besonderen art:

fit und gesund war das tier im august dort eingecheckt. krank und erbärmlich habe ich sie zurückgekriegt – und das war mir nicht einmal gesagt worden. ich merkte wohl, dass die katze nix fraß am sonntag, dass das eine auge etwas verklebt war, dass sie ab und zu nieste – und dachte: das ist wohl der stress vom hin- und herfahren, die neue umgebung....

„die katzenpension hätte längst einen tierarzt rufen müssen!“ schimpfte die tierärztin meines vertrauens, als ich ihr die katze am dienstag brachte. sie diagnostizierte einen schweren infekt: der rachenraum so stark geschwollen, dass schlucken unmöglich war (ein wunder, dass das tier überhaupt noch luft bekam), der ganze körper dehydriert vom wasserdünnen durchfall, das eine auge stark vereitert, flöhe obendrein! die ärztin startete das volle behandlungsprogramm mit antibiotika, cortison, infusion, spot-on, spezialnahrung, augensalbe, homöopathischer unterstützung.... plus telefonischer betreuung noch am selben tag, ob die behandlung auch anschlägt.

geduldig ertrug das katzebutz spritze um spritze, augensalbe dreimal täglich, einen weiteren termin. inzwischen geht es ihr besser, wir sind alle erleichtert bis nach china.

es kann nicht mehr lange dauern, bis sie dann auch selbst wieder eigene geschichten erzählt. sie sitzt schon auf der tastatur....


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