Achtung. Achtung. Achtung.
Wir sind umgezogen!

Januar 2021

Das Büro für besondere Maßnahmen ist ab sofort erreichbar auf mojour.de

Nach und nach werden alte Beiträge – ggf. aktualisiert und überarbeitet – dorthin umziehen. Bitte folgen ... :-)

Samstag, 18. September 2010

wieder da

seit einer ganzen woche schon bin ich back in my home-office. und mag hier noch gar nicht ankommen: (gefühlte) berge von post türmen sich und wollen beantwortet sein. stapel von formularen wollen ausgefüllt und abgeschickt werden. kontakte wollen reaktiviert, verabredungen getroffen und termine vereinbart werden und dann muss auch noch das auto zum tüv. baaah.

welcomebackhome-berg

kann gar nicht sagen, ob dieser orga-alltagskram anstrengender ist oder die tatsache, dass ich wieder voll für meinen eigenen haushalt verantwortlich bin. da habe ich ja in heiligendamm gelebt wie eine königin: musste weder kochen noch putzen noch einkaufen noch abwaschen noch aufräumen. das allerbeste: ich musste auch nicht staubsaugen! welch ein luxus.

damit ist jetzt natürlich schluss, ich stehe wieder mitten im leben. will sagen: ich bin wieder prekär! meine aussicht ist unverändert: zumindest optisch ganz wunderschön.

derzeit habe ich überhaupt keinen literarischen dreh. mo jour ist beschäftigt mit sortieren und aufräumen. innerlich und äußerlich.

das büro für besondere maßnahmen macht ein bißchen inventur. auch das muss mal sein.


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Mittwoch, 8. September 2010

see adé

das wars. sechs wochen rehab, von denen ich mir so viel versprochen hatte, sind rum. ich bin sehr müde, sehr erschöpft. alle tage waren so sehr fremdbestimmt. nie durfte ich einen eigenen rhythmus leben. einen einzigen freien vormittag hatte ich, gestern. und zwei freie nachmittage.

silbermöwe (larus argentatus)

die psychotherapie war nicht sonderlich 'hilfreich'. tinnitus, kopfschmerzen, depressionen unverändert. das bewegungsprogramm hat mich immerhin dabei unterstützt, fast fünf kilo abzunehmen. das bedeutet noch lange nicht, dass ich jetzt wieder schlank wäre. trotzdem: in butterpaketen gerechnet, habe ich zwanzig stück an ballast abgeworfen. gut, dass die weg sind.

mehr zeit fürs meer hätte ich gerne gehabt. da bin ich nie richtig angekommen, immer nur unter zeitdruck. davon war meine seele wie taub, ich habe das meer nicht gespürt. auch wenn es noch so schön gekribbelt hat die wenigen male, die ich ganz drin war.

niemals ist es mir so unter die haut gegangen, wie ich das von früher kenne. die innere freiheit, die das sein am meer mir sonst gegeben hat, die ich so sehr liebe und auch so sehr brauche, hat sich hier nicht eingestellt.

vielleicht lag es an den vielen zäunen, von denen jeder einzelne zu sagen schien: wir wollen nicht, dass du hier bist. so surreal, das alles. schade auch, dass der august so nass und so kühl war.

am meisten vermissen werde ich die rufe der möwen. sehr eigenwillig, sehr schön. silbermöwen sind es übrigens. das habe ich inzwischen gelernt. manchmal klingen sie wie junge katzen.

es fühlt sich an, als sei ich gar nicht hier gewesen. das ist so ungeheuerlich, dass es mich selbst erschreckt.


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Sonntag, 5. September 2010

schnapszahl

hier und da habe ich ja schon mal erwähnt, dass ich keinen alkohol trinke. niemals nicht. das mache ich nicht aus jux und dollerei, sondern weil ich ein süchtiger mensch bin.

ostseebad rerik: hafen

früher mal, da habe ich bisweilen so viel bierweinsektgrappa getrunken, dass ich alles doppelt sah. am ende war es im täglichen schnitt eine gute flasche wein.

jahrelang hatte ich versucht, weniger zu trinken. jahrelang war mir das nicht gelungen. aber nie war ich ernsthaft auf die idee gekommen, mit dem trinken ganz aufzuhören. wozu auch?

meine trinkmenge von durchschnittlich etwas mehr als einer flasche wein am abend lag schließlich nur knapp über dem, was deutsche weintrinkervereine und bierbrauerverbände als gesundheitsfördernd anpreisen.

ich wollte doch keinen herzinfarkt! also trank ich roten wein.
für die nerven trank ich hefeweizen, wegen des vitamin B - und zwar reichlich ....
zum beruhigen trank ich cognac.
weißen wein trank ich aus prinzip.
sekt sowieso, denn der macht ja nicht besoffen, sondern kieksig (also schon beinahe damenhaft).
all das andere zeug trank ich, weil es mir einfach schmeckte.

jedenfalls war ich eine großmeisterin im verdrängen unangenehmer wahrheiten. ich erzählte zwar allen, dass ich alkoholikerin sei - im grunde aber doch nur, um zu kokettieren. in wirklichkeit war ich nämlich keine, dachte ich: "alkoholiker, das sind die anderen - nicht ich!"

im sommer 1999 stellte ich endgültig fest: „ich trinke zu viel. wenn ich jetzt weiter trinke, dann kippt es, und mein weg geht nur noch abwärts.“ ich lief gefahr, mir alles, was ich so mühsam und hart erarbeitet und aufgebaut hatte, wieder zu zerstören.

noch stimmte die fassade: ich hatte meinen traumjob, den allerliebsten lieblingsmann, die wohnung ein schmuckkästchen, ein funktionierendes auto, zwei ausgesprochen eigensinnige katztiere - und gute leberwerte! ich wollte, dass das so bleibt.

im september 1999 hatte ich vier dienstfreie wochen. zeit genug für eine entgiftung, ohne dass es irgendwem im sender auffallen würde.

für den ersten freien montag vereinbarte ich einen beratungstermin in der ambulanz des entgiftungskrankenhauses meines vertrauens. der berater war mir nicht sonderlich sympathisch, aber er nahm mich ernst. er fragte nach meinen trinkgewohnheiten und sagte, dass für mich eine stationäre entgiftung tatsächlich in frage käme.

insgeheim war ich etwas enttäuscht, hatte ich doch gehofft, dass er mich wieder heimschickt mit den worten, dass bei mir alles in ordnung sei. bei mir war aber gar nicht alles in ordnung, und so bat ich um aufnahme zur entgiftung für die folgende woche.

warum ich nicht gleich am nächsten tag kommen wolle? bett wäre frei! er respektierte meine antwort, dass ich noch einen artikel zu schreiben hatte mit deadline am freitag und mich um die versorgung meiner zwei katzen kümmern müsse.

so kam es zum aufnahmetermin am 6. september 1999 – einem montag. den rest der woche schrieb ich meinen artikel und trank schon nix mehr, um die bevorstehende entgiftung zu unterstützen. mir ging's ziemlich schlecht dabei. aber von kaltem entzug hatte ich damals noch nichts gehört. ich schob alle symptome auf die nervosität wegen des bevorstehenden krankenhausaufenthaltes.

der artikel wurde mit ach und weh am freitag fertig. für die katzen fand ich eine pflegestelle.

ich verabschiedete mich vom alkohol am samstag, 4. september und trank den sonntag nix. auf diese weise ist meine abstinenz von anfang an ein sonntagskind gewesen: heute wie damals war der fünfte september ein sonniger sonntag.

genau elf jahre sind es heute, die ich alkoholfrei lebe. die zahl 11 ist echt. keine eine ziffer, die ich doppelt seh. meine erste "trockene schnapszahl", sozusagen. schnapszahlen der anderen art sollen in meinem leben nicht mehr vorkommen. wenn auch sonst so viel schiefgeht und ich so oft so unglücklich bin: wenigstens das gelingt mir, und meiner würde zuliebe soll das auch so bleiben.

dafür bin ich sehr dankbar und angemessen stolz.

über die vielen "warums" meines alkoholkonsums mit sich entwickelnder sucht und die nicht weniger vielen "wies" des alkoholfreien alltags werde ich noch das eine oder andere schreiben. es ist ja keine selbstverständlichkeit, süchtig zu werden. erst recht ist es keine selbstverständlichkeit, von heute auf morgen wieder damit aufzuhören.

so war das auch nicht - weder das eine noch das andere. keine einfachen themen, über die zu schreiben ich immer wieder mut und einen neuen anlauf brauche. schließlich steckt das klischee der "versoffenen schlampe" noch tief in den köpfen.

selbst heute - nüchtern wie nie zuvor in meinem leben - schäme ich mich bisweilen und habe große angst, in diese schublade gesteckt zu werden.

ein sehr vielschichtiges thema also. es wird mehr als eine besondere maßnahme brauchen, um das alles aufzudröseln ....


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Mittwoch, 1. September 2010

reizklima III

wie ich schon mehrfach berichtete, befinde ich mich derzeit in heiligendamm an der ostsee in einer gegend mit absolut guter reiner frischer luft. die klinik hat eine fachabteilung für atemwegserkrankungen.

mecklenburgische bäderbahn

besonders asthmakranke hoffen hier auf linderung. die lungenkranken werden meist in den zimmern der ersten etage untergebracht, direkt über dem eingang. von dort haben sie die schönste aussicht direkt auf die schienen der bäderbahn „molli“.

rein optisch ist gegen den kleinen nostalgischen zug nichts einzuwenden. auch von meinem fenster aus sind der kleine bahnhof und die schienen zu sehen. sehr pittoresk!

der molli wird von dampflokomotiven gezogen, die mit braunkohle beheizt werden. das qualmt und stinkt wie weiland mein kachelofen in berlin, wenn ich aus versehen briketten der marke „rekord“ gekauft hatte.

der molli schnaubt eingleisig zwischen bad doberan und kühlungsborn. die züge treffen sich halbwegs auf dem zweigleisigen heiligendammer bahnhof und fahren hier aneinander vorbei.

immer zur vollen stunde ist molli-alarm, zwischen sieben uhr früh und sieben uhr am abend. dann schließt sich mit heiterem klang die schranke und bleibt so lange unten, bis der zug von west nach ost angekommen und der zug von ost nach west abgefahren ist.

das kann schon mal gute zehn minuten dauern. die ganze zeit stehen und stauen sich dann die autos. direkt vor der klinik. unter der asthmaabteilung. mit laufendem motor.

während abgaswolken und dampfschwaden lustig vereint in der sonne wirbeln, hält drinnen im saal der chefarzt einen vortrag über die vorzüge der seeluft und betont, wie wichtig es sei, mit dem rauchen aufzuhören.

die überdachte raucherInnenecke ist fünfzig meter vom klinikeingang entfernt und stets gut frequentiert. geraucht wird auf dem weg dorthin, unter den fenstern der asthmakranken.

ich atme tief durch, freue mich über die gute luft und darüber, dass zumindest nikotin nicht mehr mein thema ist.


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Mittwoch, 25. August 2010

reizklima II

offiziell bin ich hier in einer gegend mit absolut guter reiner frischer luft, meistens vom meer her. die klinik ist bekannt für ihre lungenheilabteilung mit bester sauerstoff-therapie.

heiligendamm: seebrücke und grandhotel

seit gestern stinkt es allüberall nach frischer gülle, im ort und um den ort herum: im klinikgarten, in der klinik selbst und auch in meinem zimmer. es stinkt nach frischer gülle im kurwald und auf der kurwiese und auf der strandpromenade und trotz stürmischen winds stinkt die brühe von den feldern ringsum sogar bis auf die seebrücke hinaus.

der geruch will mir gar nicht mehr aus der nase. das ist echt eklig. ich bitte um eine große portion mitleid. für mich. aber auch und vor allem für die gäste des grandhotels, die trotz eines preises ab 300 euro für ein zimmer mit seeblick diesen duft der großen weiten welt nicht einfach abschalten können.


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Sonntag, 22. August 2010

ratlos

seit dreieinhalb wochen bin ich nun in dieser klinik, mehr als die hälfte 'meiner zeit' ist um – und ich verstehe immer weniger, was das hier eigentlich soll.


das ist schlimm für mich, denn ich hatte doch so gekämpft, hatte so lange gewartet, hatte auch große hoffnungen in die behandlung hier gesetzt. zumindest hatte die ärztin immer so getan, als wenn das was ganz großes wäre, so eine rehab machen zu dürfen.

ganz sicher ist es zu früh, etwas konkretes, abschließendes zu sagen. nach wie vor stecke ich ja mitten drin im prozess und bin höchst angestrengt damit beschäftigt, mich den zu- und umständen hier anzupassen.

mir fehlen die kraft, aber vor allem auch das hintergrundwissen und ein adäquater spiegel, um angemessen einordnen zu können, um sagen zu können „was passiert hier wirklich?“

ich weiß es nicht. ich weiß nur, dass ich mich hier nicht wohl fühle. unfrei, eingezwängt. ich erfülle den plan der klinikleitung. nicht meinen.

in der kommenden woche steht eine sogenannte „chefarztvisite“ im terminplan. zehn minuten arzttermin bei einer frau, die mich noch nie gesehen hat. dabei wird auch die diagnose noch einmal überprüft. ein kurzes frage- und antwortspiel wird entscheiden über wohl und wehe und über das, was auf jahre hin in meinen akten steht.

was machen die da? was passiert?! hatte ich schon geschrieben, dass es schwierig ist, bei all den terminen einen rhythmus zu finden? die chefarztvisite liegt mitten in der mittagessenszeit. auch dafür werde ich auf eine mahlzeit verzichten. rhythmus adé.

in der vergangenen woche ist es mir tatsächlich einmal gelungen, an einem nachmittag drei freie stunden am stück zu haben. zum glück hat es da nicht geregnet. ich bin sofort ans meer, endlich! die ganze zeit immer an der wasserkante langgelaufen.

die wellen, die weite: das beruhigt meine flatternden nervenenden und besänftigt den tinnitus. zumindest solange ich dort bin. dann stehe ich am ufer und weine. salzwasser zu salzwasser. wieder zurück in der klinik, hat das aufatmen sofort ein ende. mir ist hier sehr eng ums herz.

die klinik ist teil eines konzerns und fährt ein sparprogramm. zimmer werden im akkord geputzt, mitarbeiterInnen erhalten so wenig lohn wie nur möglich. so viel immerhin habe ich inzwischen herausgefunden. fast schäme ich mich, dass es mir hier auf kosten unterbezahlter schufterei anderer gut gehen soll.

in dieser institution ist alles von vorn bis hinten 'durchoptimiert', jede minute geplant, die qualität aufs beste 'gemanaged'. will sagen, für menschen ist hier eigentlich kein platz.

zwanzig minuten haltungsgymnastik. dreißig minuten qi gong. zwanzig minuten laufband. dreißig minuten therapiegespräch. zwanzig minuten massage. neunzig minuten gruppentherapie. dreißig minuten entspannungstherapie. zwanzig minuten massage. neunzig minuten beschäftigungstherapie. und - ja tatsächlich! - zwanzig minuten fango.

alles in allem soll ein echter arbeitstag simuliert werden. zwanzig minuten dies. dreißig minuten jenes. zwischen acht und siebzehn uhr. du musst leiden, um zu heilen! wir quälen dich, damit es dir besser geht! rehab ist kein urlaub!

wie kann mir ein solcher plan helfen, mein leben neu zu ordnen? wie kann ich daraus neue impulse gewinnen, um anders umzugehen mit dem schmerz, der von innen kommt? was hilft mir das?

der montagmorgen beginnt mit der gruppentherapie. das bedeutet in meinem fall: statt frühstück eine dreiviertelstunde gemeinsamer gruppenzwangsspaziergang unter aufsicht einer physiotherapeutin. durch den wald, am strand entlang, mit sondergenehmigung über das gelände des grandhotels. in der vergangenen woche durften wir uns bei regen auf dem bahnhofsvorplatz im kreis aufstellen und ein lustiges gruppenspiel spielen. das spiel hieß „das ist mein knie“. ist das die vorbereitung aufs altersheim? mir graust es ganz gewaltig.

energetisch fühle ich mich überfordert und bin ständig müde. intellektuell hingegen langweilt mich der alltag in der klinik. mit der geistigen, spirituellen langeweile angemessen umzugehen, das ist eine herausforderung. zum glück bringe ich da einiges mit an verinnerlichter motivation. und: ich bin sehr dankbar für meine kluge tischnachbarin. das ist ein großer lichtblick! unsere gespräche, diskussionen und gemeinsame kleine fluchten haben mich schon so manches mal gerettet.

mit das beste, was mir hier bislang passiert: wie immer am meer bewege ich mich mehr und habe in drei wochen vier kilo abgenommen. das sind sechzehn viertelkilo-pakete butter. ich hoffe sehr, dass die dauerhaft wegbleiben. immerhin ein kleiner anfang. vom doofen matronenspeck würde ich mich sehr gerne dauerhaft verabschieden.

das andere, was ich richtig gut finde: dass ich echt weit weg bin von meinem ollen alltag. kein vermieter, der tagtäglich auf seinem akkordeon dudelt! ich muss nicht nachdenken, ob ich mir jetzt noch etwas obst leisten kann oder ein pfund kaffee kaufen darf: hier nehme ich einfach vom buffett was mir schmeckt. außerdem muss ich keine angst haben vor demütigender amtspost im briefkasten.

und das meer natürlich, große mutter aller salzwasser! auch wenn nicht viel zeit ist – so bemühe ich mich doch, jeden tag hinzugehen. zumindest mal kurz gucken. wenn mehr zeit ist fürs meer, gibt es auch mal einen kaffee an der hafenpromenade im nachbarort. da kann ich hin radeln, leute gucken und ablästern. die seele ins blaue baumeln lassen. therapie vergessen und einen klaren kopf kriegen.

neulich gab es zum kaffee einen fettgebackenen spritzkuchen mit ganz viel zuckerguss. und blick aufs meer. das war das beste. das allerbeste überhaupt!


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