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Montag, 14. November 2011

männerverträge

in der schule haben wir ungefähr in der sechsten klasse das grundgesetz besprochen. wie wichtig das sei und dass es für alle gilt. besonders artikel 3 hatte es mir angetan. da steht unter anderem:
(2) Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.
das habe ich damals geglaubt. ich ging davon aus, dass das gerechterweise in alle richtungen gilt. man möge mir meine leichtgläubigkeit verzeihen. ich war ja noch ein kind.

hurenzelt

in der schule wurde ich später gesiezt und mit 'fräulein xx' angesprochen, die wenigen jungen herren aber niemals mit 'herrlein' oder – passender, da ich ja nicht 'damelein' hieß – 'männlein'. die jungs waren ohne umweg über eine verniedlichung gleich 'herr xy'.

das wort 'mobbing' war noch nicht erfunden. aber aus eigener erfahrungn wusste ich schon, wie schlimm es sich anfühlt, ignoriert und nicht für voll genommen zu werden. die eltern beherrschten das perfekt. es war, als käme ich in der familie nicht vor. sie kannten meinen namen nur dann, wenn sie vor anderen über mich herzogen oder wenn ich das missfallen meiner erziehungsberechtigten erregt hatte: mit drohendem unterton.

ansonsten war ich quasi nicht existent und hatte für mich selbst zu sorgen. das tat ich dann auch. ich fühlte mich ungeborgen, hatte oft angst und habe schon als studentin mit den zähnen geknirscht.

ich hatte also früh gelernt: wer für nicht erwähnenswert gehalten und ignoriert wird, wird benachteiligt (gemobbt) und ist nicht gleichberechtigt. ergo: wer frauen aus der sprache ausschließt, steht nicht auf dem boden des grundgesetzes.

ich studierte unter anderen brotlosen geisteswissenschaften auch philosophie und stellte fest: ich komme (fast) nicht vor. wenn der herr philosoph von menschen sprach, meinte er 'männer'. sprach er von frauen, schrieb er das explizit und meistens negativ. auch die herren philosophen bewegten sich also keineswegs immer auf den pfaden des grundgesetzes. sie waren ja auch meist schon viel älter und zu ihrer zeit gab es das noch nicht. trotzdem waren ihre worte oft gesetz und deren verbreitung an philosophischen seminaren wurde mit viel öffentlichem geld gefördert.

das gefiel mir nicht. irgendwann bekam ich annegret stopczyks nachschlagewerk in die finger: „was philosophen über frauen denken“ (Mathes & Seitz, 1980). als ich das buch durchhatte, war mir schlecht: so dermaßen schlecht dachten die kerle zumeist über unsereins. falls mal einer ausnahmsweiswe gut über uns dachte, wurde er gleich von seinen zeitgenossen auf dem scheiterhaufen verbrannt (giordano bruno). wutentbrannt warf ich die kaltschleimigen frösche kant, schopenhauer, nietzsche, heigegger und wie sie alle hießen an die wand. sie verwandelten sich nicht in prinzen, sie hatten ihre daseinsberechtigung verwirkt. zähneknirschend studierte ich dann doch zumindest so lange weiter, bis ich alle voraussetzungen für die zulassung zur abschlussarbeit erfüllte.

was bei den philosophen gang und gäbe war – nämlich dass frauen nicht weiter erwähnenswerte nebengeschöpfe sind – fiel mir mehr und mehr auch in allen möglichen alltagsbereichen auf. ganz besonders ärgert es mich in formularen und verträgen, wenn ich - noch heute! - als mann angesprochen werde und als solcher unterschreiben soll: unter dem strich, auf dem ich meine emma normalmensch verzeichnen soll, stehen leider auch im jahre elf des dritten jahrtausends immer noch und viel zu häufig männliche wörter wie: „Kunde, Antragsteller (arbeitsamt), Rundfunkteilnehmer (GEZ), Kontoinhaber (banken), Versicherungsnehmer (versicherungen, versicherungsmaklerInnen) ….“

„aber nun seien sie doch nicht so zickig,“ heißt es gerne chauvial von oben herab, wenn ich auf die grundgesetzlich garantierte gleichberechtigung verweise und um eine zumindest geschlechtsneutrale formulierung bitte, die ich frohgemut unterzeichnen könnte. „es sind doch der einfacheren lesbarkeit halber immer beide geschlechter gemeint.“

pah. faule ausrede und verlogen obendrein! erst kürzlich (2009) schrieb eine deutsche zeitung (in etwa): „der deutsche durchschnittsbürger .... lebt allein auf 42m² .... hat 1,4 handies .... 0,75 autos .... 0,1 motorrad .... und einen 14,5cm langen penis im erigierten zustand.“ solange solche sätze in deutschen texten stehen dürfen, solange ist das argument 'frauen sind in der männlichen sprachform immer mitgemeint' schlichtweg unzutreffend.

weiterhin: sogar die UNESCO weiß, dass die deutsche sprache zu einer gewissen geschlechter-ungerechtigkeit neigt. sie weiß weiter, dass es ohne die sichtbarmachung von frauen in der sprache keine gleichberechtigung gibt, wie sie im grundgesetz garantiert wird. ihre „Richtlinien für einen nicht-sexistischen Sprachgebrauch“ - datieren aus dem jahr 1993 und sind noch längst nicht überholt, leider.

das habe ich erst neulich wieder festgestellt, als ich – wie bereits berichtet – mit meinen paar kröten zu einer good bank wandern wollte. fast alle formulare, AGB, infos etc. waren in der männlichen form gehalten. pffft. ich schrieb an den kundenservice, dass ich nicht kundin werden wolle, wenn sie frauen nicht als kundinnen wahrnehmen. die GLS antwortete sehr nett, dass sie eigentlich alle texte längst gegendert hätten und sich das nicht erklären könnten. man werde dem sofort nachgehen. schließlich hätten sie eine entsprechende ethik. nur leider leider, die formulare kämen von einem juristischen, sehr 'konservativen' verlag – die könne man nicht ändern. liebe GLS, ich überleg's mir noch!

besonders grimmig aber bin ich derzeit mit einer deutschen versicherung, die extrem hochglanzfreundlich um mich warb und mir in kooperation mit meiner krankenkasse eine ergänzende zahnersatzversicherung verkaufen wollte.

als ich bei der versicherung anrief und freundlich, aber bestimmt darauf hinwies, dass das antragsformular nicht mehr zeitgemäß - da nur für männliche antragsteller - sei, damit frauen diskriminiere und gegen das grundgesetz verstoße, war die antwort des forschen hotline-schnösels etwa so: „da sind Sie zu pingelig. wir reden Sie im briefkopf an mit 'Frau mo jour', wir bieten einen frauentarif - was wollen Sie denn noch? ist Ihnen denn unser gutes preisleistungs-leistungs-verhältnis egal?“

„bei nazis kaufe ich auch nicht, und wenn die noch so billig sind. ich möchte als kundin wahrgenommen werden, und wenn Sie mich als solche nicht respektieren, dann will ich ihre kundin nicht sein.“ - darauf beendete er das gespräch mit dem satz „dann wollen wir Sie als kunde auch nicht haben“ und legte auf.

ich war platt und habe sofort alle anderen verträge bei dieser versicherung gekündigt. tja. dumm gelaufen.

nun überlege ich trotzdem hin und her, ob ich den antrag nicht doch als mann unterschreibe, zähneknirschend. die konditionen sind in der tat ziemlich gut: die zerknirschten zähne würden dann von der versicherung ersetzt.


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