Achtung. Achtung. Achtung.
Wir sind umgezogen!

Januar 2021

Das Büro für besondere Maßnahmen ist ab sofort erreichbar auf mojour.de

Nach und nach werden alte Beiträge – ggf. aktualisiert und überarbeitet – dorthin umziehen. Bitte folgen ... :-)

Freitag, 12. November 2010

letzte rose im herbst 2010

ende oktober oder anfang november - es ist jedes jahr ähnlich: mit großer wehmut verabschiede ich mich vom rosenduft, der meinen sommer begleitet hat.

Ikebana-Keramik: B. Weiß

in diesem jahr ist friesia die (vermutlich) letzte blühende duftrose von meinen zwölf dornen-feen, die auf dem garagendach wohnen. friesia, die so frisch nach zitronen duftet; die besonders frostharte, unermüdlich blühende, die auch im mai die erste war nach dem winterschlaf.

in der vergangenen woche habe ich diese eine nachzüglerblüte vom strauch geschnitten. innerhalb eines tages ist sie auf meinem schreibtisch verduftet und hat sich fallen lassen. seitdem liegen ihre petalen da herum und trocknen vor sich hin. sonnengelb. ich mag sie gar nicht wegräumen. draußen ist es grau.

herr de saint-exupéry ließ seinen kleinen prinzen sagen: „ce qu'ils (les hommes) cherchent pourrait être trouvé dans une seule rose …“ - „was der mensch sucht, kann er in einer einzigen rose finden.“

das finde ich zwar etwas übertrieben und plakativ, denn es gibt ne menge, was mir fehlen würde, wenn ich im leben nur diese eine rose hätte und keine mietzekatze, zum beispiel. oder all das andere zeug und erst die menschen, die mir wichtig sind. da gibt es durchaus einiges, wonach ich in meiner rose vergeblich suchen könnte.

aber es steckt schon eine menge wunder in jeder einzelnen von ihnen: nicht nur schönheit und duft der blüten. auch das wehrhafte der stacheln, das nährende der hagebutten. dass sie sorgfalt lehrt und verantwortungsgefühl, aufmerksamkeit fordert und pflege. weil sie mir vormacht, wie das geht: pause machen! weil sie hoffnung macht, zuversicht und die gewißheit, dass sie im nächsten sommer wiederkommt.

auf all das möchte ich keinesfalls verzichten - alors je suis responsable de la rose....


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Montag, 8. November 2010

flattr - der flatterknopf

ihr habt ihn bestimmt schon entdeckt, den kleinen grünen button in der linken spalte, unter dem foto vom duftenden rosenblütentee:


rose: fisherman's friend (austin) / rosenblütentee im glas


das büro für besondere maßnahmen verwendet diesen button seit etwa vier monaten. schon längst mal wollte ich ein paar zeilen schreiben über das was und warum und meine erfahrungen damit. heute ist es endlich so weit.

'flattr' ist englisch und bedeutet „schmeicheln“. wer den button klickt, landet im portal von flattr, einem micro-payment service. dort kann jedeR mitmachen für einen monatlichen betrag von mindestens zwei euro, auch wer keine eigene webseite hat. anderen webseiten, die ebenfalls dabei sind, kann man als ausdruck von dank & wohlwollen einen kleinen geldbetrag zukommen lassen, indem man den 'flatterknopf' - so nenn' ich den neudeutsch für mich - auf deren seite anklickt.

hin und wieder benutze ich flattr, um anderen blogs, die ich gut und wichtig und erfreulich finde, ein bißchen anerkennung zu spendieren.

vor allem aber benutze ich es regelmäßig, um mich bei meiner lieblings-tageszeitung für deren unschlagbaren kostenlosen onlinedienst zu bedanken. ein abo der taz könnte ich mir – prekär wie ich derzeit bin - nämlich nicht leisten. trotzdem habe ich sie täglich auf meinem schreibtisch. das finde ich gigantisch generös.

ich selbst habe übrigens via flattr bisher nicht einen einzigen cent bekommen. weder hier im büro für besondere maßnahmen noch drüben im katzencontent. das grämt mich nicht. es bestätigt allerdings eine vermutung, die ich von anfang an hatte:

flattr wird den kleineren blogs nicht viel bringen. statt dessen findet eine art umverteilung statt von vielen ‚kleinen‘ blogbetreiberInnen hin zu großen contentanbietern, bei denen sich dann das geld mehr oder weniger sammelt.

immer und an jedem flatterklick verdient natürlich flattr selbst, nämlich 5% von jedem euro, der zwischen den webseiten hin oder her fließt. am meisten aber verdient das onlinezahlungsportal paypal. die kriegen mindestens 5% von jedem euro, der bei flattr eingezahlt wird.

das wurmt mich ein bißchen. runde 10% vom kuchen nur für die verwaltung sind für meinen geschmack ein bißchen viel. andererseits will so ein portal ja auch gedingelt sein, und das kostet eben.

am meisten wurmt mich natürlich, dass ich nicht selbst auf die geniale idee gekommen bin, mich für das hin- und herschieben von geld bezahlen zu lassen. dann hätte das büro für besondere maßnahmen inzwischen eine luxus-aussicht.

aber was nicht ist, kann ja noch werden:

wer sich also bei mir einschmeicheln möchte oder wer sich von meinen texten und bildern so dermaßen geschmeichelt fühlt, dass sie ganz dringend ein paar cent dafür ausgeben möchte, macht den flattr und klickt sich da durch:

(hier steht seit Dezember 2014 kein Link mehr. Warum nicht? Siehe unten)

dies ist übrigens ein reines erklärstück. keine werbesendung. ich erhalte keinerlei provision. leider.





ps1.

das Büro für besondere Maßnahmen hat über Flattr bisher folgende schmeicheleinheiten erhalten:
2010 - 0,90 €
2011 - 0,22 € 
2012 - 1,07 €
2013 - 0,33 € 
2014 - 0,12 €
summe einnahmen seit 2010: 2,64 €

das Büro für besondere Maßnahmen hat über Flattr bisher an andere webseiten verschmeichelt:
2010 - 18,00 €
2011 - 22,00 €
2012 - 33,00 € 
2013 - 25,00 €
summe ausgaben seit 2010: 98,00 €

(stand juni 2014)


ps2.
(im Dezember 2014)

Meine Ausgaben im Micro-Payment-Service "flattr" haben in den fünf Jahren meiner Teilnahme die Einnahmen um das fast 40-fache überstiegen. Irgendwann muss man auch den schmeichelhaftesten Realitäten ins Auge sehen – DAS hat sich nicht gelohnt. Zudem hat flattr die Konditionen sehr zu meinen Ungunsten verändert. Daher habe ich das Experiment im Herbst 2014 beendet und (als besondere Maßnehme!) meinen Account bei flattr nicht erneuert. Damit verbunden habe ich natürlich auch alle Links dorthin entfernt. Falls ich einen übersehen habe, dürft Ihr mich gerne darauf hinweisen.
Allen, die mich auf diese Weise unterstützt haben, an dieser Stelle noch einmal einen herzlichen Dank!

Auch die Option, mir über paypal etwas zu spendieren, habe ich eingestellt. Trotzdem freue ich mich aufgrund kontinuierlicher Unterkapitalisierung auch weiterhin über jede Unterstützung. Wer mir also unbedingt etwas (finanziell) Gutes tun will, schreibt mir bitte eine eMail, dann finde ich eine Möglichkeit – die allerdings nicht mehr anonym sein wird. 

Merci & 1000Rosendank!

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Montag, 1. November 2010

allerheiligen

mit dem christengott steh‘ ich nicht auf sonderlich gutem fuße. das mag zum einen daherkommen, dass ich von den eltern nicht getauft wurde. der vater evangelisch, die mutter katholisch hatten sie ganz diplomatisch beschlossen, dass ich mir meine religion selbst aussuchen dürfe, sobald ich alt genug dazu sei.

tibetische klangschale / kuan yin / katze speckstein

als ich alt genug war, konnte ich mich nicht entschließen, an einen sogenannten lieben gott der christen zu glauben. erst recht nicht an einen, der so dermaßen jähzornig, cholerisch und unnütz strafend ist, dass er die einzigen beiden menschen aus dem paradies wegschickt, bloß weil sie neugierig waren.

eine so zutiefst unmenschliche religion, die mehr als die hälfte der menschheit der anderen knappen hälfte als unterlegen ansieht, wollte mir nicht ins herz. für – vorsichtig ausgedrückt – ‚frauenunfreundliches‘ verhalten hatte ich schon sehr früh sehr feine antennen.

all diese biblische unlogik jedenfalls von der angeblich jungfräulichen empfängnis und diese himmelschreiende ungerechtigkeit, dass nur männer spaß haben dürfen, während frauen dazu da sind, ihnen die füße zu waschen und zu küssen (stimmt die reihenfolge, wenigstens?) fand ich schlichtweg abstoßend.

so war ich in der schule vom religionsunterricht befreit. weil ich aber unter aufsichtspflicht stand, saß ich dann doch dabei – brauchte mich aber nicht zu beteiligen und konnte ganz unvoreingenommen zuhören. vor allem hatte ich keinerlei druck, irgendetwas glauben zu müssen, nur um eine gute note zu kriegen.

die geschichten aus der bibel fand ich brutal und garstig. am allergarstigsten ist die stelle im kapitel 19 der genesis, wo herr lot göttlichen besuch hat. das war den anderen bewohnern von sodom eine willkommene gelegenheit, sich lüstern vor lots haus zusammenzurotten in der absicht, sich unzüchtig über die gäste herzumachen: „Heraus mit ihnen, wir wollen mit ihnen verkehren.“ und was macht der herr lot? um seine gäste zu retten, bietet er der geilen bande seine jungfräulichen töchter an: „Aber meine Brüder, begeht doch nicht ein solches Verbrechen! Seht, ich habe zwei Töchter, die noch keinen Mann erkannt haben. Ich will sie euch herausbringen. Dann tut mit ihnen, was euch gefällt. Nur jenen Männern tut nichts an ....“

dafür wird lot dann auch noch vom ‚lieben‘ gott gerettet. ich lernte also aus der bibel: christen finden es nicht sonderlich schlimm, jungfrauen zu vergewaltigen. männer zu vögeln ist viel schlimmer. na vielen dank.

so wurde das also nichts mit mir und dem christengott. und das wird auch nichts mehr. nicht in diesem leben. als christin hätte ich ja sowieso bloß eines. damit hat sich das thema dann auch für meine nächsten leben ohnehin erledigt, weil wiedergeburten aus christlicher sicht nicht vorgesehen sind.

meine reisen in südostasien (hier vor allem nepal), meine philosophischen studien, ein auslandsjahr in japan und – ich werde es nie vergessen! - ein persönliches interview mit seiner heiligkeit dem dalai lama haben mich buddhistin werden lassen.

die buddhistische toleranz kommt mir entgegen: es gibt keine götter, an die ich widerspruchslos glauben soll. falls jemand andere gottheiten anbeten möchte als ich selbst: nur zu - die werden einfach in den kosmos integriert. jedes hat seine aufgabe.

der buddhismus ist eine weltanschauung, eine lebenseinstellung. noch dazu eine, die mit einem einzigen essentiellen satz zum ausdruck gebracht werden kann:

jedes wesen ist auf der welt, um anderen zu helfen; wenn wir anderen – aus welchen gründen auch immer – nicht helfen können, dann sollten wir ihnen zumindest nicht schaden.

sehr einfach. sehr schlicht. und doch gar nicht immer so leicht umzusetzen. ich bin keine von den allerheiligsten.

meine persönliche allerheilige habe ich natürlich auch. natürlich eine frau: die grüne tara. in tibet der weibliche buddha des mitgefühls. in china bekannt als kuan yin. in japan heißt sie kannon.

die grüne tara schützt vor den acht arten der angst und hält den unterschied zwischen den geschlechtern für ein trugbild. als der dalai lama neulich vor ein paar jahren verkündete, dass seine nächste inkarnation auch weiblich sein könne, da hätte ich ihn am liebsten geküsst. leider lagen da schon wieder ein paar tausend kilometer zwischen uns.

die grüne tara begleitet und schützt mein leben, sie ist immer dabei. die grüne kuan yin aus chinesischem porzellan schmückt meine wohnung. sie geht mit auf reisen und begleitet mich auch virtuell als avatar.

auch ihr mantra gehört zu meinem alltag. es ist kurz, ich kann es mir gut merken:

om tare tuttare ture soha
(sehr frei: om grüne tara, du freie frau, die schnell hilft: ehre sei dir)

eine, die es ganz besonders schön chantet, ist die nepalesische nonne (ani) choying drolma. hier zum mitsingen bei youtube.


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Mittwoch, 27. Oktober 2010

ein goldenes gefühl – sicherheit

das leben ist ein ständiger fluss, alles ist in stetigem wandel. manches ändert sich einmal im lauf des lebens, anderes öfter – bisweilen sogar täglich. das macht vielen menschen angst. sie wollen, dass alles so bleibt, wie es ist. schlimmer noch: womöglich soll alles so bleiben, wie es schon immer war. dabei vergessen sie, dass auch die dinge und angelegenheiten und vor allem die menschen, wie wir ihnen heute begegnen, nur durch wandel geworden sind.

rettungsring: seebrücke heiligendamm

wandel aber darf in deren augen nicht sein, denn dann könnte womöglich das, was ihnen jetzt lieb und teuer ist, die goldenen schätze ihres lebens, sich ändern, verschwinden, zu etwas für weniger wertvoll gehaltenem werden. dabei ist auch die frage wichtig, was denn wertvoll überhaupt ist. muss es messbar, vergleichbar sein? ist ein lottogewinn wertvoller als das lächeln eines geliebten menschen? wir entscheiden selbst!

gegen das darfnichtsein des wandels gibt es versicherungen, zu kaufen an jeder straßenecke, in jeder form und für alles denkbare, ja sogar undenkbare. ganz schlaue verkaufen versicherungen für die unwandelbarkeit von dingen, die es noch gar nicht gibt. für die sich also erst noch etwas wandeln müsste, damit sie überhaupt entstehen können. welch ein selbstbetrug!

das einzig sichere am wandel ist, dass wir ihn nicht planen können. wenn die angst vor dem wandel zur angst wird, dass die welt sich nicht im geplanten sinne wandele – dann wird das bedürfnis nach sicherheit zur absurdität, die angst vor der unsicherheit wächst ins unermeßliche.

wenn aber nichts sich wandeln darf, dann kann – konsequent logisch gedacht - auch nichts mehr besser werden, sich zum guten wenden. welch eine schreckliche vorstellung, welch ein gefängnis!

allein durch die ängste vor dem wandel wird das goldene gefühl von sicherheit zu einem unerreichbaren ideal. das ist fataler irrtum: denn wir haben jede menge sicherheit im leben, goldene momente im hier und jetzt. genau jetzt ist das, was ich in händen halte oder im kopf habe, mir sicher. und jetzt. und jetzt. nicht gestern, nicht morgen. es ist eine frage der inneren einstellung und der eigenen entscheidung, täglich aufs neue sich im wandel der welten sicher und golden zu fühlen.


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Mittwoch, 20. Oktober 2010

50 jahre

ein halbes jahrhundert. unvorstellbar. noch älter als ich ist dieser alte toaster, der ein hochzeitsgeschenk für die eltern war.

wendetoaster: rowenta, 1960

es handelt sich um einen klappen- oder wendetoaster modell E5214 von rowenta, noch produziert im von robert weintraud 1884 gegründeten stammwerk in offenbach, bevor die firma anfang der 60er jahre von amerikanischen investoren übernommen wurde. der ist also noch richtig gute ‚deutsche wertarbeit‘ sozusagen.

trotzdem hat dieser toaster in der familie meiner kindheit regelmäßig für ärger gesorgt. die brotscheiben darin werden ‚halbautomatisch‘ gewendet, indem man die klappe weit nach unten öffnet. dann dreht sich das brot wie von selbst. aber es gibt weder timer noch abschaltautomatik, die toasts wollen immer beobachtet und im genau abgepassten augenblick gewendet sein.

die mutter war damit oft überfordert, weil sie gleichzeitig noch die eier mit speck zubereiten, kaffee kochen, frühstückstisch decken, den kohleofen einheizen, die lockenwickler aus den eigenen haaren nehmen, uns wecken und den vater aus dem bett locken musste.

immer wieder wurden ihr die toastscheiben kohlpechrabenschwarz. den brotkoks haben wir dann mit einem messer über dem spülstein abgeschrappt. wenn der geruch kippte von duftendem golden toast zum angebrannten brot, wussten wir, dass spätestens da auch mutters sonntagslaune gekippt war.

der alte 'turn-over' ist also weder praktisch noch pflegeleicht, deswegen wurde er irgendwann gegen ein anderes modell ausgetauscht: eines, das die fertig getoasteten scheiben auswirft, sobald sie die gewünschte bräunung haben.

trotzdem liebte ich den rowenta heiß und innig. vielleicht, weil er den eltern nicht gut genug war. da hatten wir etwas gemeinsam. vor allem aber deshalb, weil nicht nur genormte toastscheiben reinpassen, sondern auch mal ein halbes brötchen, auch kanten oder unegal abgeschnittene brotscheiben. weil er mich achtsamkeit lehrt und konzentration.

als ich mit achtzehn jahren in eine eigene wohnung zog, nahm ich den alten toaster mit und wieder in betrieb. er ist mir bis heute treu geblieben.

ich habe ihn aber auch nie verraten. einmal hat die mutter mir einen ihrer ‚praktischen‘ automatik-toaster aus dem ewigen quelle-katalog geschenkt. ich habe die annahme verweigert. die mutter verstand das nicht. die mutter verstand mich nicht.

in den dreißig jahren, die wir miteinander verbracht haben, mein toaster und ich, habe ich oft das chrom poliert, die elektrik ein paar mal repariert, abgebrochene bakelit-teile wieder angeklebt, ihm eine neue schnur spendiert.

das erstaunliche ist nicht, dass ich dieses oder andere geräte – wie die 20-jährige caffettiera zum beispiel - schon so lange in meinem haushalt habe. erschreckend ist vielmehr, dass ich schon so alt bin, dass die dinge so lange bei mir gewesen sein können.

was wusste ich denn mit achtzehn, werwiewo ich mit ende vierzig sein würde? dass dann alles anders wäre, als ich es mir als teenager erträumte – dass ausgerechnet dieser toaster aber unverändert dabei wäre?

zu meiner herkunftsfamilie habe ich ‚aus gründen‘ seit jahren keinen kontakt mehr. trotzdem habe ich natürlich gewisse daten im kopf. die eltern begehen heute goldene hochzeit. ohne den toaster.

wir wünschen - trotz allem - liebe, gesundheit und glück aus der ferne und feiern hier ein eigenes fest: herzlichen glückwunsch zum 50. geburtstag, mein toaster!


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Sonntag, 17. Oktober 2010

rituale no. 2 – la caffettiera

ich schrieb es schon mal zu anfang des jahres, als ich von meinem sonntagsfrühstück berichtete, dass mir rituale - also die kleinen selbstgewählten regelmäßigkeiten im alltag - halt geben.

hat eigentlich irgend eineR von euch gemerkt, dass ich da im februar ein kochrezept verbraten habe? so weit war es gekommen mit mir! ‚damals‘ gehörte ich zur arbeitenden bevölkerung, meine akkus waren ziemlich leer: eier mit speck füllten meine kreativen lücken.

espressokocher: VeV viganò, 1990

zur zeit bin ich wieder freie radikale. das bedeutet: ich produziere drei bis vier texte in der woche, gebe kurse zwei bis drei mal im monat. den rest der zeit bin ich damit beschäftigt, meinen alltag zu organisieren, irgendwie wieder boden unter die füße zu bekommen und diese bodenhaftung dann auch möglichst zu behalten.

rituale sind da ganz besonders wichtig, weil sie mir helfen, struktur in mein leben zu bringen. die bereits erwähnten ‚eier mit speck‘ gibt es bei mir ungefähr einmal in der woche. es gibt auch rituale, die finden täglich statt. ganz regelmäßig, ohne ausnahme.

die rede ist von meinem allerliebsten lieblingsritual. damit beginnt mein tag. ein tag, der so nicht beginnt, ist keiner:

das kaffeekochen. mit dem italienischen espressokocher. seit dreißig jahren geht das schon so. quasi jeden morgen. verschone mich bloß mit filterkaffee!

meine erste caffettiera bekam ich mit achtzehn. von einem italienischen freund aus rom. die war noch aus aluminium, in der typischen achteck-form, per due tazze. bei uns im rheinland kannte man das damals noch nicht. für die ersatzteile fuhr ich ‚mal eben‘ nach roma. den schlüssel für die wohnung in tiburtina hinter der stazione termini besitze ich noch heute.

später wurden meine espressokocherinnen größer. die aktuelle ist aus edelstahl, natürlich aus italien, sechs tassen. sie bedient mich seit zwanzig jahren mehrmals täglich. es ist jeden morgen dasselbe in meiner kleinen zwergenküche, ein fest einstudierter tanz:

caffettiera von der anrichte nehmen. vierteldrehung nach rechts. ober- und unterteil auseinanderschrauben. sieb herausnehmen. kaffeerest vom vortag in den müll schnicken. alle teile kurz abspülen. trocknen. wasser ins unterteil einfüllen. vierteldrehung links. unterteil absetzen. sieb einsetzen. halbe drehung rechts: kaffeedose mit links vom regal nehmen. den kaffeelöffel, der immer obenauf liegt, in die andere hand. halbe drehung zurück nach links, derweil den deckel von der dose abnehmen. drei portionen pulver ins sieb füllen. kaffeelöffel leicht auf den siebrand schlagen, damit letzte pulverkörnchen abfallen. halbe drehung nach rechts. derweil deckel auf die kaffeedose drücken. dose im regal abstellen und löffel obenauf legen. viertel drehung nach links. caffettiera-oberteil von der spüle nehmen. viertel drehung nach links. oberteil aufs unterteil schrauben. gut festzurren. dabei richtigen drehmoment abpassen.

dann wird‘s sportlich: griff nach links oben, leichte körperdehnung: da steht der rote campinggaskocher im regal. der espresso muss aufs feuer. in berlin hatte ich gasherd und passende verkleinerungsringe. hier in dreyeckland südwest habe ich nur eletroherd. schrecklich. damit kann man aufwärmen, aber nicht kochen. erst recht keinen kaffee. etwa alle zehn bis vierzehn tage braucht der kocher eine neue kartusche.

den gaskocher auf die anrichte stellen. caffettiera obenauf mittig ausrichten. anzünden mit streichholz. feuer zu feuer. ende des ersten akts.

es geht gleich weiter mit einer halben drehung und griff nach rechts rückwärts: die stehen die großen milchkaffeeschalen im regal. die lieblingstasse für den tag auswählen, körperdrehung zurück, tasse abstellen. vierteldrehung nach links, kühlschranktüre öffnen, milchtüte aus der tür nehmen, kühlschranktüre schließen. etwas milch in die tasse füllen. dabei zähle ich bis drei. dann ist immer gleich viel milch in der großen tasse. milchtüte zurück in den kühlschrank.

die schöne tasse mit dem schluck milch kommt jetzt für dreißig sekunden in die mikrowelle. dann ist die milch warm, die tasse ebenso. nichts ist schlimmer, als heißen kaffee in eine kalte tasse zu füllen. pfui!

bis der kaffee sich gemacht hat, haben wir eine kurze pause. zeit genug, um das katzenfutter zu richten oder die spülmaschine auszuräumen.

wenn der espresso aus dem röhrchen sprotzelt und faucht – oh wie ich dieses geräusch liebe, und erst den duft dazu! - dann wird die milch mit dem schneebesen schaumig gerührt. hauptsache, die milchhaut ist mikroskopisch klein zerstückselt. die mag ich nämlich nicht.

dann den espresso schwungvoll hinein, möglichst nach latte art ein herzchen in den schaum dekoriert. caffetiera abstellen, den feuerwehrroten gaskocher wieder hoch ins regal mit leichter drehung und dehnung nach links oben. zurück auf den boden, griff ins regal geradeaus hinter dem herd: kleine kakaowolke auf den milchschaum stäuben. fertig.

und dann. dann! jaaaaa!

während ich dies schrieb, habe ich zwei mal kaffee gekocht. es ist aber auch zu schön.


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