mafia cioccolata kam ende juli 1991 im begehbaren kleiderschrank meiner berliner altbauwohnung in berlin neukölln zur welt. sie war das einzige mädchen im dreierwurf. die anderen beiden waren rote tigerkater – ganz der vater.
der rote kater peter aus dem haus nebenan war damals der einzige zeugungsfähige seiner art - in der gesamten nachbarschaft im sozialen brennpunkt am reuterplatz. nicht, dass er oder sein besitzer jemals alimente gezahlt hätten. aber die ähnlichkeit war unübersehbar. ein jahr später war er nicht nur mafias vater, sondern auch ihr liebhaber und vater ihrer fünf kinder.
eigentlich hatte ich das kätzchen gar nicht behalten wollen. wie die anderen beiden war sie versprochen und sollte im alter von drei monaten abgeholt werden. aber der neue besitzer kam nicht. sie blieb übrig. bis dahin hatte ich sie schon so lieb gewonnen, dass ich sie niemals wieder hergeben wollte. außerdem waren sie ein superteam, sie und ihre mutter mii-zeh maier. gemeinsam haben die beiden sogar dicke doofe stadttauben erlegt.
mafia cioccolata habe ich sie genannt, weil sie so frech war und so süß. nie zuvor habe ich eine katze erlebt, die so freundlich war, so zärtlich und so liebevoll. immer. egal was man mit ihr machte – und die so lautstark renitent werden konnte, wenn sie ihren willen nicht gleich bekam.
mafia hätte man am schwanz ziehen können – sie hätte trotzdem noch geschnurrt. aber wehe, ihr futter wurde nicht pünktlich um dreiviertel sechs serviert! dann konnte sie so vorwurfsvoll quäken, als hätte sie drei wochen lang nix zu fressen gekriegt.
überhaupt ihre stimme. die war eigentlich schrecklich. geradezu penetrant, aber unverkennbar! hätte ich gewusst, dass sie die ein katzenleben lang behält, dann hätte ich sie nicht mafia getauft, sondern sirene.
mafia cioccolata war eindeutig die häuslichere von meinen beiden katztieren. es war ganz auffällig, dass sie – im gegensatz zu ihrer mutter – abends regelmäßig nach hause kam und selten eine nacht draußen verbrachte. wenn doch, dann war sie irgendwo eingesperrt.
zum beispiel im kohlenkeller. im kohlenkeller waren die einzelnen verschläge mit groben latten abgetrennt, die türen wacklig gezimmert. es gab viel luft oben und unten. mafia sprang aus dem stand auf die oberen türkanten und auf der anderen seite wieder runter. wenn sie einmal über eine türe drüber war, konnte sie sich dahinter von abteil zu abteil bewegen, irgendwo gab es immer eine lücke.
nur einen keller gab es wohl, da kam sie zwar irgendwie von hinten rein, aber nicht wieder raus. das dumme war, dass ich für diesen keller keinen schlüssel hatte. ich hörte mafia dann irgendwo kläglich maunzen, konnte sie aber nicht befreien.
es hat ziemlich lange gedauert, bis ich herausfand, dass ich von der äußeren hauswand aus das kleine kellerlukengitter ein stück wegbiegen und sie herauswitschen lassen konnte. zum glück hat von den anderen hausbewohnerInnen nie jemand gepetzt, wer für das verbogene kellerlukengitter verantwortlich war.
mafia kletterte maschendrahtzäune hoch wie ein äffchen: zweieinhalb meter in nullkommanix! dann balancierte sie oben auf dem schmalen zaunpfosten und hops! stand sie im nachbarhof.
mafia wußte immer ganz genau, was sie wollte. wenn sie zum beispiel aus dem treppenhaus in den hof hinaus wollte, stand sie so lange innen an der hoftüre, bis jemand vorbeikam, den sie klagend anmaunzte, bis ihr gefälligst die türe geöffnet wurde. wenn es ihr zu lange dauerte, bevor jemand kam, dann rannte sie die treppe wieder hoch und schaute nach, ob im ersten stock das fenster zum hof offen stand. wenn ja, sprang sie da raus. aus dem ersten stock. weil sie so unbedingt auf den hof wollte.
das habe ich mehr als einmal erlebt. einmal stand ich mit der nachbarin plaudernd bei den fahrrädern. plötzlich macht es „plopp“. da stand meine katze mitten im hof, bei geschlossener hoftüre - aber geöffnetem treppenhausfenster eine etage höher. sie war wie vom himmel gefallen und maunzte mich vorwurfsvoll an, wie ich nur dazu käme, sie so lange warten zu lassen!
mafia hat es immer wieder geschafft, mich zu verblüffen mit ihrem kätzischen wagemut und ihrem liebenswerten eigensinn.
genau wie ihre mutter war auch sie oft unterwegs in den schrebergärten, die sich an den zweiten hinterhof und den kirchhof und den kindergartenspielplatz mit der großen wiese anschlossen. wenn ich sie abends vermisste, umrundete ich das große areal mit lauten lockrufen.
während mii-zeh maier sich dann regelmäßig taub stellte und manchmal wochenlang verschollen blieb, kam mafia meist angetrabt aus der hintersten ecke und quer über die wiese mit lautem „maumaumau“, sobald sie meine stimme hörte.
dann kruschtelte sie so lange „maumaumau“ am zaun entlang durch büsche und gestrüpp, bis sie einen weg zu mir nach draußen fand. oder sie marschierte den maschendrahtzaun hoch und ich konnte sie kopfüber vom pfosten herab in empfang nehmen.
auf dem rückweg balancierte sie auf meiner rechten schulter sitzend um den häuserblock herum. oder sie lief vor und neben und hinter mir her, bis wir wieder zu hause waren. von ihrem schulterthron herab fauchte sie jeden kampfhund in die flucht. siegessicher. so war sie: ganz löwe!
fast zwei jahrzehnte lang hat sie mich begleitet. heute vor neun wochen ist sie gestorben. ich vermisse sie sehr.
immer noch erscheint mir die wohnung ohne katze doppelt so groß wie vorher, entsetzlich leer und sehr sehr kalt – ganz egal, wie hoch ich die heizung dreh'.
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Besondere Ereignisse erfordern besondere Maßnahmen. Denn irgendwas is' immer ....
[über den Umgang mit Katzen & Vermietern - und andere wichtige Dinge im Leben einer Frau]
Achtung. Achtung. Achtung.
Wir sind umgezogen!
Januar 2021
Das Büro für besondere Maßnahmen ist ab sofort erreichbar auf mojour.de
Nach und nach werden alte Beiträge – ggf. aktualisiert und überarbeitet – dorthin umziehen. Bitte folgen ... :-)
Donnerstag, 10. Dezember 2009
Sonntag, 6. Dezember 2009
das leben tanzen II
tanzen und singen sind nah beieinander, oft. das wundert jetzt niemanden. denn tanzen geht nur mit musik, und singen ist musik. der umkehrschluss aber ist nicht erlaubt, denn musik und damit auch das singen sind durchaus möglich, ohne zu tanzen. es macht mir nur nicht so viel spaß!
in vielen kulturen liegen die wurzeln des tanzes in heiligen, in rituellen handlungen. tänze waren und sind bewegte ganzkörpergebete. tanzen ist etwas ganz archaisches, es verbindet himmel und erde, ist kommunikation zwischen menschen und göttInnen.
ich denke an die thailändischen tempeltänzerinnen unter ihrem schwergoldenen kopfschmuck, mit den langen konischen kappen auf den fingerspitzen.
ich denke auch an klassischen indischen tanz, der den mythen nach älter ist als die erde selbst, denn schöpfergott shiva soll die erde im schweiße seines angesichts tanzend erschaffen haben, stück für stück!
welch ein unterschied zu den drei monotheistischen religionen, wo ein unrasierter alter mann schlecht gelaunt in seinen himmelsthronsessel pupste und die erde mal eben kommandierend aus dem ärmel schüttelte!
im alten japanischen glauben, dem shintoismus, gibt es sogar eine göttin des tanzes. neben dem tanz ist sie zuständig für lachen, für fröhlichkeit, für die morgenröte und für die fruchtbarkeit. kurz gesagt: für die wirklich wichtigen dinge im leben einer frau:
sie entzündet ein feuer, sie tanzt auf dem schallbrett: schamlos, schlotterbusig und laut lachend. ihr name ist ame-no-uzume. übersetzt bedeutet das in etwa „die wirbelnde himmelsfrau“, die ausgelassen in ihrer sinnlichkeit schwelgt. sie bricht tabus, sie schert sich einen dreck um die meinung anderer, sie ist die beste freundin bei depressionen und fachfrau für besondere maßnahmen!
ihre griechische schwester heißt baubo. genau, das ist die dicke mit dem lachen von ganz tief unten und dem untrüglichen bauchgefühl. das versöhnt mich ein bißchen mit meinem matronenspeck: womit soll eine frau denn tanzen? wie kann ich ein untrügliches bauchgefühl entwickeln, wenn ich keinen bauch habe?!
mein bauch ist schließlich meine mitte - hara. genau so, wie die gebärmutter das organ der fraulichen mitte ist – symmetrisch und nur einmal vorhanden. in japan heißt unsere mitte übrigens „kinderpalast“; das nur nebenbei.
man könnte jetzt meinen, ich tanze jeden tag, seitdem ich es für mich wieder entdeckt habe. das ist auch so. fast.
allerdings tanze ich nicht den flamenco. da bin ich in meinem kleinen möchtegerntänzerinsein-leben sehr weit entfernt davon, dass mein körper die komplizierten rhythmen und minutiösen bewegungen alleine und ohne die tragende energie einer gruppe aus sich heraus produzieren könnte.
außerdem wohne ich auf teurem teppichboden. flamenco auf socken – das funktioniert einfach nicht! ich bräuchte dafür einen umgedrehten waschbottich, wie ame-no-uzume! aber das wage ich nicht, in diesem miezhaus den vermieterleuten auf dem kopf herum zu tackern mit dem taconeo, dem genagelten absatz meiner flamencoschuhe.
im gegensatz zum klassischen ballett-tanz europas, bei dem alles in die lüfte strebt und schrecklich instabil ist, sind die alten, archaischen tänze zu ehren der göttInnen sehr erdverbunden: sie geben boden unter den füßen, sie machen frauen stark. der flamenco ist so, auch die indischen tänze.
eine ähnlich archaische, erdige tanzform, die ich erst kürzlich für mich entdeckt habe, ist der hula. aus hawaii. die silben „hu“ und „la“ bedeuten „energie“ und „sonne“. das wärmt mich, das macht glücklich! die für hawaii zuständige göttin des tanzes heißt laka. ihre weiteren ressorts sind musik und sonnenschein, liebe und fruchtbarkeit. was sonst?!
hula, das sind sanfte schwingende tanzschritte. barfuß. ganz schlicht. jede geste ist von bedeutung, jede bewegung der hände eine vokabel: die ureinwohner polynesiens kannten keine schrift. wenn sie sich geschichten erzählten, dann tanzend. das tun sie bis heute. auch, wenn sie inzwischen schreiben können.
den hula, den tanze ich derzeit täglich. fast. ich erzähle mir geschichten von meiner insel im sonnenschein, von palmen im wind und von der liebe. einfach so. für mich. das erdet mich. mein bis dato ungeliebter entenarsch erlaubt mir dabei ausladend fröhliche hüftschwünge, von denen dünne frauen nur träumen können.
nur an der stelle, wenn ich tanzend vom meer erzähle, das ich soo sehr liebe, dann kullern regelmäßig tränen. weil ich das meer soo sehr liebe – und weil ich so lange nicht dort war. soo lange nicht.
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in vielen kulturen liegen die wurzeln des tanzes in heiligen, in rituellen handlungen. tänze waren und sind bewegte ganzkörpergebete. tanzen ist etwas ganz archaisches, es verbindet himmel und erde, ist kommunikation zwischen menschen und göttInnen.
ich denke an die thailändischen tempeltänzerinnen unter ihrem schwergoldenen kopfschmuck, mit den langen konischen kappen auf den fingerspitzen.
ich denke auch an klassischen indischen tanz, der den mythen nach älter ist als die erde selbst, denn schöpfergott shiva soll die erde im schweiße seines angesichts tanzend erschaffen haben, stück für stück!
welch ein unterschied zu den drei monotheistischen religionen, wo ein unrasierter alter mann schlecht gelaunt in seinen himmelsthronsessel pupste und die erde mal eben kommandierend aus dem ärmel schüttelte!
im alten japanischen glauben, dem shintoismus, gibt es sogar eine göttin des tanzes. neben dem tanz ist sie zuständig für lachen, für fröhlichkeit, für die morgenröte und für die fruchtbarkeit. kurz gesagt: für die wirklich wichtigen dinge im leben einer frau:
sie entzündet ein feuer, sie tanzt auf dem schallbrett: schamlos, schlotterbusig und laut lachend. ihr name ist ame-no-uzume. übersetzt bedeutet das in etwa „die wirbelnde himmelsfrau“, die ausgelassen in ihrer sinnlichkeit schwelgt. sie bricht tabus, sie schert sich einen dreck um die meinung anderer, sie ist die beste freundin bei depressionen und fachfrau für besondere maßnahmen!
ihre griechische schwester heißt baubo. genau, das ist die dicke mit dem lachen von ganz tief unten und dem untrüglichen bauchgefühl. das versöhnt mich ein bißchen mit meinem matronenspeck: womit soll eine frau denn tanzen? wie kann ich ein untrügliches bauchgefühl entwickeln, wenn ich keinen bauch habe?!
mein bauch ist schließlich meine mitte - hara. genau so, wie die gebärmutter das organ der fraulichen mitte ist – symmetrisch und nur einmal vorhanden. in japan heißt unsere mitte übrigens „kinderpalast“; das nur nebenbei.
man könnte jetzt meinen, ich tanze jeden tag, seitdem ich es für mich wieder entdeckt habe. das ist auch so. fast.
allerdings tanze ich nicht den flamenco. da bin ich in meinem kleinen möchtegerntänzerinsein-leben sehr weit entfernt davon, dass mein körper die komplizierten rhythmen und minutiösen bewegungen alleine und ohne die tragende energie einer gruppe aus sich heraus produzieren könnte.
außerdem wohne ich auf teurem teppichboden. flamenco auf socken – das funktioniert einfach nicht! ich bräuchte dafür einen umgedrehten waschbottich, wie ame-no-uzume! aber das wage ich nicht, in diesem miezhaus den vermieterleuten auf dem kopf herum zu tackern mit dem taconeo, dem genagelten absatz meiner flamencoschuhe.
im gegensatz zum klassischen ballett-tanz europas, bei dem alles in die lüfte strebt und schrecklich instabil ist, sind die alten, archaischen tänze zu ehren der göttInnen sehr erdverbunden: sie geben boden unter den füßen, sie machen frauen stark. der flamenco ist so, auch die indischen tänze.
eine ähnlich archaische, erdige tanzform, die ich erst kürzlich für mich entdeckt habe, ist der hula. aus hawaii. die silben „hu“ und „la“ bedeuten „energie“ und „sonne“. das wärmt mich, das macht glücklich! die für hawaii zuständige göttin des tanzes heißt laka. ihre weiteren ressorts sind musik und sonnenschein, liebe und fruchtbarkeit. was sonst?!
hula, das sind sanfte schwingende tanzschritte. barfuß. ganz schlicht. jede geste ist von bedeutung, jede bewegung der hände eine vokabel: die ureinwohner polynesiens kannten keine schrift. wenn sie sich geschichten erzählten, dann tanzend. das tun sie bis heute. auch, wenn sie inzwischen schreiben können.
den hula, den tanze ich derzeit täglich. fast. ich erzähle mir geschichten von meiner insel im sonnenschein, von palmen im wind und von der liebe. einfach so. für mich. das erdet mich. mein bis dato ungeliebter entenarsch erlaubt mir dabei ausladend fröhliche hüftschwünge, von denen dünne frauen nur träumen können.
nur an der stelle, wenn ich tanzend vom meer erzähle, das ich soo sehr liebe, dann kullern regelmäßig tränen. weil ich das meer soo sehr liebe – und weil ich so lange nicht dort war. soo lange nicht.
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Montag, 30. November 2009
das leben tanzen
ich wollte immer soo gerne tänzerin werden! oder wenigstens kunstturnerin. beides ging nicht. letzteres ging nicht, weil ich dafür zu lang bin, zu schwer - und mein schlimmes hohlkreuz dem seit kinderzeiten im wege war. „du hast einen entenarsch“ - höre ich es heute noch zischeln. im schulsport habe ich mich immer geschämt für mein körperliches unbewusstsein und dafür „schlechte“ noten bekommen.
als teenager habe ich es mit dem turnen trotzdem noch einmal versucht: trampolin springen sollte es sein, das fand ich schick! der große bruder meiner besten freundin war der star im verein und mein schwarm. ich kam nicht weit. weder bei meinem schwarm noch mit dem sport: nach ungefähr einem halben jahr hatte ich einen unfall. ich verlor mich im falschen schwung, stürzte ab, fiel auf den kopf, verschob mir einen halswirbel.
tänzerin sein, das war nicht einfacher. nicht nur das häßliche graue entenärschlein störte damals das auge der familiären betrachterInnen, wenn ich gewandet in hundert tüllige hüllen vor dem spiegel im flur mein eigener schwan war. der vater feixte und ignorierte mich geflissentlich. die mutter fand es bedenklich, dass ich so lange vor dem spiegel stand. „kind, du bist zu eitel! - haach wat biste wieder schön! - ja hammer denn schon karneval?“ die schwester triumphierte spöttisch, weil ich das missfallen der erziehungsberechtigten provoziert hatte.
mit fünfzehn dann der tanzschulalptraum, allein gelassen mit taktlosen durchschnittspickelträgern. das hatte hand und fuß, das fanden die eltern gut. trotz fortgeschrittenenkurs ist mir vom normierten standardtanz nur das walzerwogen im körper geblieben. ich lernte fürs leben: auf tanzpartner ist kein verlass, sie lassen mich sitzen.
ich vergaß das tanzen für eine weile. das balzgehopse in der disco zählte nicht als tanz, das war 'nix richtiges', auch wenn es spaß machte.
erst jahre später kam ich wieder zum tanzen. mitte der achtziger, studentin war ich in berlin – mein leben ein einziges stakkato: step – tap dance! war jetzt meine große liebe. takkaditak! i was dancing in the rain und auf den bahnsteigen der u-bahn. immer auf der suche nach dem eigenen rhythmus. ich fand ihn nicht wirklich, tanzte mich aber mit viel fleiß und großem vergnügen bis auf die bühne des quasimodo.
ich war stolz und dankte ab: die alte verletzung im nacken machte große probleme. mein schwacher lendenwirbelbereich - das hohle kreuz - in der damals sehr schlanken taille wurde fast zur sollbruchstelle.
es hat zeiten gegeben in meinem leben, da hätte ich nicht gedacht, dass ich jemals wieder in tanzschuhen stehen würde. mein körper foppt mich bisweilen und trickst mich aus.
ich trank alkohol auch gegen den schmerz. das balzgehopse in der disco zählte noch immer nicht als tanz. das war 'nix richtiges'. ich genoss es trotzdem.
in japan war ich fasziniert von den auftritten der maiko und geisha, von nô und kabuki, den fröhlichen tempelfesten mit trommeln und tanz. ich blieb still und trank sake, meine füße konnten kein japanisch.
das balzgehopse in der disco ödete mich an. nicht, weil es 'nix richtiges' war, sondern weil ich meinen körper nicht mehr spürte. ich machte trotzdem weiter, auf der suche nach 'meinem' rhythmus.
mein beruf war es schließlich, der mich wieder auf die bühne brachte. ich moderierte ein internationales tanzfestival. nur wirbelnde füße um mich herum, rhythmen aus allen welten – ich machte die ansagen und wippte sehnsüchtig im takt. jahr für jahr stand ich daneben.
im herbst 2000 wagte ich dann endlich! wieder einen eigenen tanzversuch. der flamenco hatte mich in seinen bann gezogen. die stolzen frauen mit geradem blick, die nicht immer lächeln mussten und mit den füßen fest auftreten durften – ich war hingerissen und hatte gleichzeitig angst vor mir selbst.
es hat monate gedauert, bis ich einigermaßen gelassen vor dem großen spiegel mich bewegen und mir dabei zusehen konnte. so tief saßen die alten botschaften, so tief saß auch der schmerz!
der flamenco bietet mir so viele stile, dass es zu jeder lebenssituation den passenden rhythmus gibt. die heitere alegria, den erdigen tientos, den schmerz der seguiriya, die freche rumba gitana, die verzweifelte solea ....
der flamenco ist urlaub für mein herz und kur für die seele. ein paar jahre lang habe ich regelmäßig getanzt, finde in dieser bewegung zu mir selbst und komme zur ruhe, denn die konzentration auf all die verschiedenen bewegungen und rhythmen erlaubt meinem kopf nicht, an irgend etwas anderes zu denken. wenn ich tanze, dann bin ich genau da, wo ich bin, hier und jetzt: das ist MEIN wunder!
in den letzten jahren hatte ich nur noch selten gelegenheit, den weiten rock und die genagelten schuhe zu tragen: im existenzminimum ist tanzen nicht vorgesehen.
gestern und vorgestern habe ich nach fast einem jahre pause endlich wieder einmal an einem wochenend-workshop teilnehmen können: geschenkt von einer lieben, langjährigen freundin aus berlin. mit stolz im blick und demut im herzen hat mir das so unendlich viel freude gemacht und leben geschenkt, dass ein DANKE! gar nicht ausreicht, um all das auszudrücken, was ich empfinde. weil es um sooo viel mehr geht als um ein paar schnöde euro.
ich tanze das leben!
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als teenager habe ich es mit dem turnen trotzdem noch einmal versucht: trampolin springen sollte es sein, das fand ich schick! der große bruder meiner besten freundin war der star im verein und mein schwarm. ich kam nicht weit. weder bei meinem schwarm noch mit dem sport: nach ungefähr einem halben jahr hatte ich einen unfall. ich verlor mich im falschen schwung, stürzte ab, fiel auf den kopf, verschob mir einen halswirbel.
tänzerin sein, das war nicht einfacher. nicht nur das häßliche graue entenärschlein störte damals das auge der familiären betrachterInnen, wenn ich gewandet in hundert tüllige hüllen vor dem spiegel im flur mein eigener schwan war. der vater feixte und ignorierte mich geflissentlich. die mutter fand es bedenklich, dass ich so lange vor dem spiegel stand. „kind, du bist zu eitel! - haach wat biste wieder schön! - ja hammer denn schon karneval?“ die schwester triumphierte spöttisch, weil ich das missfallen der erziehungsberechtigten provoziert hatte.
mit fünfzehn dann der tanzschulalptraum, allein gelassen mit taktlosen durchschnittspickelträgern. das hatte hand und fuß, das fanden die eltern gut. trotz fortgeschrittenenkurs ist mir vom normierten standardtanz nur das walzerwogen im körper geblieben. ich lernte fürs leben: auf tanzpartner ist kein verlass, sie lassen mich sitzen.
ich vergaß das tanzen für eine weile. das balzgehopse in der disco zählte nicht als tanz, das war 'nix richtiges', auch wenn es spaß machte.
erst jahre später kam ich wieder zum tanzen. mitte der achtziger, studentin war ich in berlin – mein leben ein einziges stakkato: step – tap dance! war jetzt meine große liebe. takkaditak! i was dancing in the rain und auf den bahnsteigen der u-bahn. immer auf der suche nach dem eigenen rhythmus. ich fand ihn nicht wirklich, tanzte mich aber mit viel fleiß und großem vergnügen bis auf die bühne des quasimodo.
ich war stolz und dankte ab: die alte verletzung im nacken machte große probleme. mein schwacher lendenwirbelbereich - das hohle kreuz - in der damals sehr schlanken taille wurde fast zur sollbruchstelle.
es hat zeiten gegeben in meinem leben, da hätte ich nicht gedacht, dass ich jemals wieder in tanzschuhen stehen würde. mein körper foppt mich bisweilen und trickst mich aus.
ich trank alkohol auch gegen den schmerz. das balzgehopse in der disco zählte noch immer nicht als tanz. das war 'nix richtiges'. ich genoss es trotzdem.
in japan war ich fasziniert von den auftritten der maiko und geisha, von nô und kabuki, den fröhlichen tempelfesten mit trommeln und tanz. ich blieb still und trank sake, meine füße konnten kein japanisch.
das balzgehopse in der disco ödete mich an. nicht, weil es 'nix richtiges' war, sondern weil ich meinen körper nicht mehr spürte. ich machte trotzdem weiter, auf der suche nach 'meinem' rhythmus.
mein beruf war es schließlich, der mich wieder auf die bühne brachte. ich moderierte ein internationales tanzfestival. nur wirbelnde füße um mich herum, rhythmen aus allen welten – ich machte die ansagen und wippte sehnsüchtig im takt. jahr für jahr stand ich daneben.
im herbst 2000 wagte ich dann endlich! wieder einen eigenen tanzversuch. der flamenco hatte mich in seinen bann gezogen. die stolzen frauen mit geradem blick, die nicht immer lächeln mussten und mit den füßen fest auftreten durften – ich war hingerissen und hatte gleichzeitig angst vor mir selbst.
es hat monate gedauert, bis ich einigermaßen gelassen vor dem großen spiegel mich bewegen und mir dabei zusehen konnte. so tief saßen die alten botschaften, so tief saß auch der schmerz!
der flamenco bietet mir so viele stile, dass es zu jeder lebenssituation den passenden rhythmus gibt. die heitere alegria, den erdigen tientos, den schmerz der seguiriya, die freche rumba gitana, die verzweifelte solea ....
der flamenco ist urlaub für mein herz und kur für die seele. ein paar jahre lang habe ich regelmäßig getanzt, finde in dieser bewegung zu mir selbst und komme zur ruhe, denn die konzentration auf all die verschiedenen bewegungen und rhythmen erlaubt meinem kopf nicht, an irgend etwas anderes zu denken. wenn ich tanze, dann bin ich genau da, wo ich bin, hier und jetzt: das ist MEIN wunder!
in den letzten jahren hatte ich nur noch selten gelegenheit, den weiten rock und die genagelten schuhe zu tragen: im existenzminimum ist tanzen nicht vorgesehen.
gestern und vorgestern habe ich nach fast einem jahre pause endlich wieder einmal an einem wochenend-workshop teilnehmen können: geschenkt von einer lieben, langjährigen freundin aus berlin. mit stolz im blick und demut im herzen hat mir das so unendlich viel freude gemacht und leben geschenkt, dass ein DANKE! gar nicht ausreicht, um all das auszudrücken, was ich empfinde. weil es um sooo viel mehr geht als um ein paar schnöde euro.
ich tanze das leben!
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Donnerstag, 19. November 2009
wortgeplänkel I - zeit
„eine zeitlang“, diesen ausdruck benutzte ich neulich einmal in einem anderen zusammenhang.
„täglich eine zeitlang“, so schrieb ich, „tue ich dieses oder jenes“ – und dann habe ich den begriff auch noch gesteigert bzw. geradezu verdoppelt, indem ich behauptete, ich täte dieses oder jenes manchmal sogar „zwei zeiten lang“.
gerade so, als ob ich wüßte, wie lang eine zeit sei, oder gar so als ob ich die alleingültige formel erfunden hätte, was die zeit ist.
du dummchen, wird jetzt jemand dazwischenrufen, das brauchst du gar nicht erst erfinden, das hat doch längst jemand anders erledigt, samt nobelpreis dafür gekriegt! seither messen wir die zeit in sekunden, minuten, stunden, tagen, wochen, monaten und jahren. und damit man immer weiß, wie spät es ist, hat der mensch eine uhr.
aha. natürlich habe auch ich eine uhr – mehrere sogar. und meistens weiß auch ich ziemlich genau, wie spät es ist. denn nur noch ganz wenige uhren gehen nach der wiener wasserleitung (meine blaue badezimmeruhr, zum beispiel).
uhren gehen neuerdings (um zeitgenau zu sein, seit 1978) nach der atomuhr. die deutsche atomzeit wird hergestellt vom physikalisch-technischen-bundesamt in braunschweig. damit die dort im ptb keine unzeiten herstellen, gibt es ein bundesdeutsches zeitgesetz.
das zeitgesetz regelt die gesetzliche zeit. es macht die zeit allerdings nicht selbst, es verwaltet sie bloß – auf dass der amtsschimmel immer pünktlich dahergeritten komme.
damit die leute sich nicht ständig verpassen - egal ob sie gesetzliches mit ihrer zeit tun oder nicht - wird die gesetzliche zeit mehr oder weniger regelmäßig und zeitgleich in den medien verkündet.
aber nicht in allen ganz genau, sondern bloß im fernsehen und im radio. ausgerechnet in dem medium aber, das nach der zeit benannt wurde - nämlich der zeitung - wird die zeit nicht ganz genau verkündet, sondern eher vage. am ungenauesten ist die geschriebene zeit, also die zeitangabe, die man aus zeit-schriften erfährt.
früher hatten wir noch die zeitansage im telefon, erinnert ihr euch? die gibt es heute auch noch, aber nicht mehr unter der nummer 119. als kind war ich davon völlig fasziniert und habe der netten dame vom amt mit ihrem piep sehr oft und sehr lange zugehört.
aber selbst, wenn die heutige computerstimme mit sinuston mir noch so genau sagen kann, wie spät es ist – damit weiß ich doch immer noch nicht, wie lang 'eine zeit lang' ist.
ist eine zeit so lang wie das ticken des weckers braucht, um die zeit in scheiben zu hacken?
oder ist eine zeit so lang wie der kuckuck in der nachbarswohnung benötigt, um sich dröhnend aus seinem uhrenkästchen herauszukatapultieren und mir mit metallischem ruf meinen mittagschlaf zu zerstören?
woher weiß ich, wenn meine freundin erzählt, sie sei eine zeit lang verheiratet gewesen, wie lang ihre zeit war?
ist ihre verheiratete zeit genau so lang wie meine, wenn ich sage 'ich bin schon eine ganze zeit lang single'?
ist 'eine ganze zeit lang' mehr als 'eine (einfache) zeit lang'? es hört und fühlt sich irgendwie so an – obwohl doch eins schon ein ganzes ist und kein kaputtes bruchstück …. oder irre ich mich?
spannend finde ich auch, dass zeit als kostbar gilt, obwohl sie doch von niemandem hergestellt wird – man sie also eigentlich auch nicht verkaufen kann.
die menschen verkaufen ihre zeit aber doch, gegen jede logik! zeit ist geld, sagen sie dann, werden ganz hektisch und haben überhaupt gar keine zeit mehr.
seltsam ist auch, dass die zeit verschiedener menschen unterschiedlich viel wert ist. frauenzeit zum beispiel ist weniger wertvoll als männerzeit. durchschnittlich gesehen. das weiß man nicht erst, seitdem die neuesten statistiken mal wieder beweisen, dass frauen nicht nur in unserem land ein fünftel bis ein drittel weniger geld für ihre arbeit erhalten als männer.
aber wieso? jeder mensch hat täglich die gleichen vierundzwanzig stunden zeit, um sein leben zu leben und um alles zu tun, was gut und wichtig ist. frauen haben nicht mehr zeit als männer. warum sollen wir mehr lebenszeit investieren, um denselben lohn zu erhalten?
das verstehe ich nicht. noch weniger aber kann ich verstehen, dass nicht nur arbeitszeit mit geld bezahlt wird.
gerade heute erst las ich in unserem ländlichen jedewoche-kostenlosimbriefkasten-anzeigenkäseblatt eine stellenanzeige, in der ein/e „freizeitverkäufer/in“ gesucht wird.
ja wie jetzt? soll ich nicht nur meine arbeitszeit, sondern auch noch meine freizeit verkaufen? auch das noch? ist freizeit dann mehr wert als arbeitszeit oder weniger? wie lang ist überhaupt eine freizeit, wenn ich sie verkaufe?
wenn ich eine zeit lang meine freizeit verkaufe: was passiert mit der nicht verkauften arbeitszeit? und vergeht die zeit dann doppelt so schnell? schnell vergeht die zeit doch sowieso, egal ob ich sie verkaufe oder nicht!
denn während ich hier eine zeit lang über die zeit schrieb, ist es draußen schon dunkel geworden – und wie lang meine zeit lang ist, weiß ich immer noch nicht.
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„täglich eine zeitlang“, so schrieb ich, „tue ich dieses oder jenes“ – und dann habe ich den begriff auch noch gesteigert bzw. geradezu verdoppelt, indem ich behauptete, ich täte dieses oder jenes manchmal sogar „zwei zeiten lang“.
gerade so, als ob ich wüßte, wie lang eine zeit sei, oder gar so als ob ich die alleingültige formel erfunden hätte, was die zeit ist.
du dummchen, wird jetzt jemand dazwischenrufen, das brauchst du gar nicht erst erfinden, das hat doch längst jemand anders erledigt, samt nobelpreis dafür gekriegt! seither messen wir die zeit in sekunden, minuten, stunden, tagen, wochen, monaten und jahren. und damit man immer weiß, wie spät es ist, hat der mensch eine uhr.
aha. natürlich habe auch ich eine uhr – mehrere sogar. und meistens weiß auch ich ziemlich genau, wie spät es ist. denn nur noch ganz wenige uhren gehen nach der wiener wasserleitung (meine blaue badezimmeruhr, zum beispiel).
uhren gehen neuerdings (um zeitgenau zu sein, seit 1978) nach der atomuhr. die deutsche atomzeit wird hergestellt vom physikalisch-technischen-bundesamt in braunschweig. damit die dort im ptb keine unzeiten herstellen, gibt es ein bundesdeutsches zeitgesetz.
das zeitgesetz regelt die gesetzliche zeit. es macht die zeit allerdings nicht selbst, es verwaltet sie bloß – auf dass der amtsschimmel immer pünktlich dahergeritten komme.
damit die leute sich nicht ständig verpassen - egal ob sie gesetzliches mit ihrer zeit tun oder nicht - wird die gesetzliche zeit mehr oder weniger regelmäßig und zeitgleich in den medien verkündet.
aber nicht in allen ganz genau, sondern bloß im fernsehen und im radio. ausgerechnet in dem medium aber, das nach der zeit benannt wurde - nämlich der zeitung - wird die zeit nicht ganz genau verkündet, sondern eher vage. am ungenauesten ist die geschriebene zeit, also die zeitangabe, die man aus zeit-schriften erfährt.
früher hatten wir noch die zeitansage im telefon, erinnert ihr euch? die gibt es heute auch noch, aber nicht mehr unter der nummer 119. als kind war ich davon völlig fasziniert und habe der netten dame vom amt mit ihrem piep sehr oft und sehr lange zugehört.
aber selbst, wenn die heutige computerstimme mit sinuston mir noch so genau sagen kann, wie spät es ist – damit weiß ich doch immer noch nicht, wie lang 'eine zeit lang' ist.
ist eine zeit so lang wie das ticken des weckers braucht, um die zeit in scheiben zu hacken?
oder ist eine zeit so lang wie der kuckuck in der nachbarswohnung benötigt, um sich dröhnend aus seinem uhrenkästchen herauszukatapultieren und mir mit metallischem ruf meinen mittagschlaf zu zerstören?
woher weiß ich, wenn meine freundin erzählt, sie sei eine zeit lang verheiratet gewesen, wie lang ihre zeit war?
ist ihre verheiratete zeit genau so lang wie meine, wenn ich sage 'ich bin schon eine ganze zeit lang single'?
ist 'eine ganze zeit lang' mehr als 'eine (einfache) zeit lang'? es hört und fühlt sich irgendwie so an – obwohl doch eins schon ein ganzes ist und kein kaputtes bruchstück …. oder irre ich mich?
spannend finde ich auch, dass zeit als kostbar gilt, obwohl sie doch von niemandem hergestellt wird – man sie also eigentlich auch nicht verkaufen kann.
die menschen verkaufen ihre zeit aber doch, gegen jede logik! zeit ist geld, sagen sie dann, werden ganz hektisch und haben überhaupt gar keine zeit mehr.
seltsam ist auch, dass die zeit verschiedener menschen unterschiedlich viel wert ist. frauenzeit zum beispiel ist weniger wertvoll als männerzeit. durchschnittlich gesehen. das weiß man nicht erst, seitdem die neuesten statistiken mal wieder beweisen, dass frauen nicht nur in unserem land ein fünftel bis ein drittel weniger geld für ihre arbeit erhalten als männer.
aber wieso? jeder mensch hat täglich die gleichen vierundzwanzig stunden zeit, um sein leben zu leben und um alles zu tun, was gut und wichtig ist. frauen haben nicht mehr zeit als männer. warum sollen wir mehr lebenszeit investieren, um denselben lohn zu erhalten?
das verstehe ich nicht. noch weniger aber kann ich verstehen, dass nicht nur arbeitszeit mit geld bezahlt wird.
gerade heute erst las ich in unserem ländlichen jedewoche-kostenlosimbriefkasten-anzeigenkäseblatt eine stellenanzeige, in der ein/e „freizeitverkäufer/in“ gesucht wird.
ja wie jetzt? soll ich nicht nur meine arbeitszeit, sondern auch noch meine freizeit verkaufen? auch das noch? ist freizeit dann mehr wert als arbeitszeit oder weniger? wie lang ist überhaupt eine freizeit, wenn ich sie verkaufe?
wenn ich eine zeit lang meine freizeit verkaufe: was passiert mit der nicht verkauften arbeitszeit? und vergeht die zeit dann doppelt so schnell? schnell vergeht die zeit doch sowieso, egal ob ich sie verkaufe oder nicht!
denn während ich hier eine zeit lang über die zeit schrieb, ist es draußen schon dunkel geworden – und wie lang meine zeit lang ist, weiß ich immer noch nicht.
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Montag, 16. November 2009
unfug en gros & en détail II - sonnenstrahlenkinder
sonntags mache ich gern einen sonntagsspaziergang. wenn niemand mitgeht, laufe ich allein auf und ab, in den weinbergen hinterm haus. die reben sind längst abgeerntet.
so ging ich also gestern in gedanken vor mich hin. auf sonnenstrahlen wartete ich allerdings vergeblich. mein gedankengang führte mich zurück ins jahr 2002, als ich hier noch ganz neu war: frisch vom tosenden kurfürstendamm hinein in ein badisches winzerdorf, wo es bis heute noch nicht einmal eine ampel gibt.
damals um mich herum duftender frühling und heiterer sonnenschein – und ich war sehr unsicher, wie das wohl werden würde, als trockene alkoholikerin mitten im wein zu leben.
da habe ich mir die geschichte mit den sonnenstrahlen ausgedacht, um den weinbeeren eine für mich neue bedeutung zu geben, ihnen quasi den alkohol zu entziehen.
diese geschichte fiel mir gestern wieder ein, als ich von den letzten noch übrigen weinbeeren naschte. die waren so süß, dass mir ganz warm wurde ums herz!
nun lest selbst, was es mit den sonnenstrahlen und den weinbeeren auf sich hat:
die geschichte eignet sich bestens zum vorlesen, für große und kleine leute gleichermaßen. für die erwachsenen habe ich den letzten satz geändert. der hieß ursprünglich „weil es schlafende sonnenstrahlenkinder sind“. alle kinder fanden diese idee ganz wunderbar. vor allem, weil die sonnenstrahlenkinder dann im eigenen bauch weiterspielen, wenn sie wieder wach sind - das kribbelt so schön.
aber manch erwachseneR hatte wohl irgendwie kannibalische vorstellungen und ein großes problem damit, die weinbeeren samt innenliegenden sonnenstrahlenkindern zu vernaschen.
mir egal. macht's wie ihr wollt!
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so ging ich also gestern in gedanken vor mich hin. auf sonnenstrahlen wartete ich allerdings vergeblich. mein gedankengang führte mich zurück ins jahr 2002, als ich hier noch ganz neu war: frisch vom tosenden kurfürstendamm hinein in ein badisches winzerdorf, wo es bis heute noch nicht einmal eine ampel gibt.
damals um mich herum duftender frühling und heiterer sonnenschein – und ich war sehr unsicher, wie das wohl werden würde, als trockene alkoholikerin mitten im wein zu leben.
da habe ich mir die geschichte mit den sonnenstrahlen ausgedacht, um den weinbeeren eine für mich neue bedeutung zu geben, ihnen quasi den alkohol zu entziehen.
diese geschichte fiel mir gestern wieder ein, als ich von den letzten noch übrigen weinbeeren naschte. die waren so süß, dass mir ganz warm wurde ums herz!
nun lest selbst, was es mit den sonnenstrahlen und den weinbeeren auf sich hat:
sonnenstrahlenkinder, von denen haben wir hier wahrlich genug. sie schlafen in den weinbeeren.
erst einmal gibt es die großen sonnenstrahlen, sozusagen die erwachsenen. die reichen von der sonne bis zur erde.
aber die sonnenstrahlenkinder, die sind noch viel viel kürzer und schaffen den weiten weg von der sonne bis zur erde nicht alleine.
deswegen benutzen sie die großen sonnenstrahlen wie eine rutschbahn: sie kullern und purzeln darauf wild durcheinander von der sonne zur erde.
am liebsten an warmen, wolkenlosen sonnentagen. dann sind die großen sonnenstrahlen schön warm und stabil und es kann nichts schief gehen.
den ganzen tag flirren und flimmern die kleinen sonennstrahlen dann auf der erde herum, lustig umeinander.
du hast sie bestimmt schon einmal miteinander spielen sehen – im sommer auf einer waldlichtung oder unter dem großen busch im garten oder wenn sie mit den schmetterlingen um die wette flattern ....
wenn die sonnenstrahlenkinder vom vielen spielen müde sind, dann machen sie ein mittagsschläfchen. dazu legen sie sich am liebsten eng zusammengekringelt in die weintrauben.
eigentlich sind immer bis zum abend alle sonnenstrahlenkinder wieder wach. sie können nämlich noch nicht alleine zur sonne zurück. dazu sind sie ja noch viel zu klein.
statt dessen setzen sie sich kurz vor sonnenuntergang auf die füße von den erwachsenen sonnenstrahlen. die erwachsenen sonnenstrahlen rollen sich dann von unten nach oben zusammen bis hoch zur sonne und nehmen so die kleinen sonnenstrahlen wieder mit zurück.
nur manchmal wird ein kleiner sonnenstrahl nicht rechtzeitig wieder wach und bleibt zusammengekringelt in der weintraube liegen bis nach sonnenuntergang. oder es kommt ein gewitter und die großen sonnenstrahlen müssen früher zurück als geplant.
dann verpassen die kleinen sonnenstrahlen den rückweg.
aber das macht ihnen gar nichts! denn sie wissen ja, dass die großen sonnenstrahlen und die anderen sonnenstrahlenkinder am nächsten tag wiederkommen. oder spätestens übermorgen!
also bleiben sie einfach weich und warm, wie sonnenstrahlenkinder nun mal sind, ganz zufrieden mit sich zusammengekringelt in ihren weintrauben liegen.
die weintrauben freuen sich über den lieben besuch und werden vor lauter glück ganz dick und rund.
und deswegen schmecken weintrauben so gut und so süß: weil die sonnenstrahlenkinder darin geschlafen haben!
die geschichte eignet sich bestens zum vorlesen, für große und kleine leute gleichermaßen. für die erwachsenen habe ich den letzten satz geändert. der hieß ursprünglich „weil es schlafende sonnenstrahlenkinder sind“. alle kinder fanden diese idee ganz wunderbar. vor allem, weil die sonnenstrahlenkinder dann im eigenen bauch weiterspielen, wenn sie wieder wach sind - das kribbelt so schön.
aber manch erwachseneR hatte wohl irgendwie kannibalische vorstellungen und ein großes problem damit, die weinbeeren samt innenliegenden sonnenstrahlenkindern zu vernaschen.
mir egal. macht's wie ihr wollt!
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Mittwoch, 11. November 2009
besondere maßnahmen VII – gehe zurück auf los
.... und ziehe nicht monatlich deutsche euro 1000 ein!
mit gut 1500 euro brutto dotiert war die sekretärinnen-stelle, auf die ich mich kürzlich beworben habe. öffentlicher dienst, 85 % teilzeit. zunächst befristet auf viereinhalb monate. nach abzug aller steuern, abgaben und sozialversicherungen wären davon rund zwei drittel übrig geblieben. kaum mehr als mein arbeitslosengeld, aber immerhin.
um es vorweg zu nehmen: ich habe die stelle nicht gekriegt. einmal mehr heißt es also für mich: ätschbätsch! vergeblich bemüht, umsonst gehofft – alles bleibt wie es ist. es ist nicht einmal der hauch der idee einer ahnung von besserung meiner derzeitig prekären lage in sicht.
ich war eingeladen! diese unerhörte ehre ist mir in den jahren seit meinem vierzigsten geburtstag nur ganz ganz selten widerfahren. das letzte persönliche bewerbungsgespräch liegt mehr als vierzehn monate zurück.
damals hatte ich sogar eine mündliche zusage für eine der drei neu zu besetzenden stellen erhalten. wochen später lag dann doch wieder nur der ungeliebte große umschlag mit nichtssagender standardabsage im briefkasten. haha – reingefallen! auf mündliche absprachen kann man sich doch heutzutage nicht mehr verlassen, du dummerchen!
diesmal waren außer mir nur zwei andere kandidatInnen eingeladen. die derzeitige stelleninhaberin ist eine bekannte von mir. sie wird zum jahresende die stadt verlassen, hatte mir den tipp gegeben, mich zu bewerben und mich sogar ihren vorgesetzten empfohlen – da hatte ich mir realistische chancen ausgerechnet.
in den schönsten farben hatte ich mir ausgemalt, wie schön das sein könnte, nach all den jahren wieder finanziell unabhängig zu sein und nicht mehr zu diesem blöden hartz-amt zu müssen. wenn zwar auch weiterhin sparsam, so doch selbst über mein geld entscheiden zu können!
auch wenn ich dort kaum mehr verdient hätte als mein arbeitslosengeld: abzüglich der dann fälligen fahrtkosten, GEZgebühren und höherer krankenkassenzuzahlung hätte ich sogar einiges weniger gehabt als jetzt. aber egal! ich will arbeiten! für geld!
im gespräch fand ich mich gut: angemessen souverän, nicht zu dick aufgetragen, meine hochbegabung nicht raushängen lassen. immer gut blickkontakt gehalten, auch mal gelacht, bei fangfragen weder patzig geworden noch aufmüpfig.
tja. ich war wohl gut – aber nicht gut genug.
fairerweise kam die telefonische absage noch am selben tag. man habe lange diskutiert und die entscheidung sei sehr schwer, dann aber doch auf die mitbewerberin gefallen: weil die mehr 'vom fach' sei.
aha. mal wieder so eine typisch deutsche absage: wer einen schein hat mit stempel drauf gilt als 'vom fach'. jahrzehntelange erfolgreiche erfahrung ohne schein mit stempel gilt nicht als 'vom fach'.
am telefon habe ich mich noch sehr zusammengerissen. diese eiskalte personalerblondine wollte ich auf keinen fall merken lassen, wie sehr ihre absage mich in einen abgrund der hoffnungslosigkeit stürzte. ich blieb höflich, korrekt und freundlich, bedankte mich sogar für den schnellen bescheid und die persönlichen worte.
nachdem ich das telefon abgestellt hatte, ging gar nix mehr. meine perspektive war futsch, meine façon auch und ich habe den nachmittag, den abend und die nacht durchgeheult. bin mit tränen im gesicht wach geworden und habe mir den frühstückskaffee versalzen.
soll ja ganz gut sein, wenn man gleich weinen kann, weil es den ganzen psychostressdreck rausspült aus körper und seele. bloß ist in meinem leben schon seit langem immer so dermaßen viel psychostress, dass ich mich innerhalb der letzen jahre nicht an einzigen tag erinnern kann, an dem ich nicht zumindest eine zeitlang heulend in der ecke gesessen wäre. oft waren es eher zwei zeiten lang oder mehr.
so viel augenantifaltencrème kann ich gar nicht benutzen, um diese tränensäcke jemals wieder auszubügeln. hartz4 macht häßlich!
im lauf des vormittags spürte ich, wie meine verzweifelte enttäuschung sich allmählich in wut verwandelte. wie konnten die sich das nur entgehen lassen?! diese einmalige chance?! mich hochqualifiziertes goldschatzstück zu einem solchen dumpinglohn?! pah! selber schuld!!
jetzt, aus etwa dreißig stunden abstand betrachtet, war dieses bewerbungsgespräch eines der fiesesten, die ich jemals erlebt habe.
habe ich eigentlich schon erwähnt, dass ich mich auf ein hochschul-sekretariat mit publikumsverkehr beworben habe? dass in der 'prüfungskommission' zwei lehrstuhlinhaberinnen, die personalerchefin und eine personalrätin saßen?
die vier haben es nicht einmal gemeinsam geschafft, mir auch nur ansatzweise mitzuteilen, welche aufgaben ich dort eigentlich zu erfüllen gehabt hätte. es gab nicht eine einzige frage, in der eindeutig nach für die zu besetzende stelle notwendigen qualifikationen gefragt wurde.
statt dessen spielten sie mit mir spekulatives stehgreiftheater:
„stellen Sie sich vor, Sie kommen an ihrem ersten arbeitstag hierher und niemand ist da. die ganze hoschschule ist leer. wie kommen Sie an die informationen, die Sie brauchen, um Ihre arbeit zu erledigen?“ wie bereits gesagt, man hatte mir weder mitgeteilt, was denn meine arbeit eigentlich sei – noch wie die aufgaben unter den insgesamt drei fakultätssekretärinnen aufgeteilt sind.
ich sagte nicht, dass ich wohl kaum ins gebäude reingekommen wäre, wenn nicht einmal der hausmeister da wäre. ich habe auch nicht gesagt, dass ich mich dann erst mal hinsetze und in meinem eigenen kalender nachschaue, ob ich mich vielleicht im datum geirrt haben könnte und aus versehen an einem sonntag gekommen bin. erst recht nicht habe ich gesagt, dass ich mir dann erst mal nen kaffee kochen, ne halbe stunde warte, ob noch jemand kommt und – wenn das nicht der fall sei, stinkesauer wieder heimgehen würde. unausgesprochen blieb auch, dass ich es für ausgesprochen unkollegial hielte, mich an meinem ersten arbeitstag ohne einarbeitung so dermaßen auflaufen zu lassen. für mich wäre das ein kündigungsgrund.
„was tun Sie, wenn einer der professoren Sie unangemessen laut und ungerecht vor anderen herunterputzt und niederbrüllt?“ - „wie gehen Sie damit um, wenn eine professorin merkt, dass Sie gerne texten und Ihnen immer öfter solche aufgaben überlässt? zusätzlich?“ - „was machen Sie, wenn dann auch die kollegin merkt, dass Sie das gut machen und neidisch wird, weil Sie bei den professoren so gut dastehen?“
solcherlei fragen ließen mich vermuten, dass es sich bei der ganzen abteilung in der tat um einen ziemlich unkollegialen haufen durchsetzungsunfähiger profilneurotiker und pädagogisch wertloser choleriker handelt. insgesamt hatte ich den eindruck, dass hier nicht eine sekretärin gesucht wurde, sondern eine konfliktmanagerin und mediatorin, die den kommunikationsstau gegen größte widerstände wieder in fluss bringen soll.
„.... und wenn die kollegin Ihnen dann auch noch textaufgaben zuschustert, weil Sie weiß, dass Sie das gut können und sie selbst macht es nicht so gerne?“ - „.... und wenn Sie so viel texten, was ja keine klassische sekretariatsaufgabe wäre – würden Sie dann nicht mehr geld haben wollen?!“ - ja wie jetzt?! ziehen die mir geld ab, wenn ich mal zwei stunden mit niederqualifiziertem fotokopieren zubringen muss?!
„.... es wird niemand mehr da sein, der Sie einarbeiten kann, wenn Sie im januar hier anfangen. wären Sie bereit, im monat vorher 'sich einzubringen' (ohne bezahlung versteht sich!) und sich das wichtigste zeigen zu lassen?“
ja. gegen jede überzeugung, dass einarbeitung zur arbeitszeit gehört: ich wäre dazu bereit gewesen, als diese frage im bewerbungsgespräch gestellt wurde. ich wollte die stelle. ich wollte arbeiten.
aber jetzt, nachdem ich mich noch einmal gut sortiert und alles revue habe passieren lassen, bin ich geradezu dankbar, dass ich diesen job in einer so staubig unkollegialen atmosphäre nicht werde machen müssen. das riecht doch geradezu nach kompetenzrangelei, respektloser unachtsamkeit, diffuser überforderung und mobbing schon im ansatz. typischer frauenjob eben. mit typisch niedrigem frauenlohn obendrein.
bei allem inneren aufruhr, übrigens, war ich nicht eine sekunde damit beschäftigt, darüber nachzudenken, ob ich diese blöde katastrophe in einer badewanne voll schampus ersäufen soll und mich gleich mit.
ich stelle also fest, dass ich über eine ganz erstaunliche resilienz verfüge. das macht mich nicht reich – aber stark. und es bereichert mein leben!
postscriptum am 17. dezember 2009:
die geschichte hat eine fortsetzung
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mit gut 1500 euro brutto dotiert war die sekretärinnen-stelle, auf die ich mich kürzlich beworben habe. öffentlicher dienst, 85 % teilzeit. zunächst befristet auf viereinhalb monate. nach abzug aller steuern, abgaben und sozialversicherungen wären davon rund zwei drittel übrig geblieben. kaum mehr als mein arbeitslosengeld, aber immerhin.
um es vorweg zu nehmen: ich habe die stelle nicht gekriegt. einmal mehr heißt es also für mich: ätschbätsch! vergeblich bemüht, umsonst gehofft – alles bleibt wie es ist. es ist nicht einmal der hauch der idee einer ahnung von besserung meiner derzeitig prekären lage in sicht.
ich war eingeladen! diese unerhörte ehre ist mir in den jahren seit meinem vierzigsten geburtstag nur ganz ganz selten widerfahren. das letzte persönliche bewerbungsgespräch liegt mehr als vierzehn monate zurück.
damals hatte ich sogar eine mündliche zusage für eine der drei neu zu besetzenden stellen erhalten. wochen später lag dann doch wieder nur der ungeliebte große umschlag mit nichtssagender standardabsage im briefkasten. haha – reingefallen! auf mündliche absprachen kann man sich doch heutzutage nicht mehr verlassen, du dummerchen!
diesmal waren außer mir nur zwei andere kandidatInnen eingeladen. die derzeitige stelleninhaberin ist eine bekannte von mir. sie wird zum jahresende die stadt verlassen, hatte mir den tipp gegeben, mich zu bewerben und mich sogar ihren vorgesetzten empfohlen – da hatte ich mir realistische chancen ausgerechnet.
in den schönsten farben hatte ich mir ausgemalt, wie schön das sein könnte, nach all den jahren wieder finanziell unabhängig zu sein und nicht mehr zu diesem blöden hartz-amt zu müssen. wenn zwar auch weiterhin sparsam, so doch selbst über mein geld entscheiden zu können!
auch wenn ich dort kaum mehr verdient hätte als mein arbeitslosengeld: abzüglich der dann fälligen fahrtkosten, GEZgebühren und höherer krankenkassenzuzahlung hätte ich sogar einiges weniger gehabt als jetzt. aber egal! ich will arbeiten! für geld!
im gespräch fand ich mich gut: angemessen souverän, nicht zu dick aufgetragen, meine hochbegabung nicht raushängen lassen. immer gut blickkontakt gehalten, auch mal gelacht, bei fangfragen weder patzig geworden noch aufmüpfig.
tja. ich war wohl gut – aber nicht gut genug.
fairerweise kam die telefonische absage noch am selben tag. man habe lange diskutiert und die entscheidung sei sehr schwer, dann aber doch auf die mitbewerberin gefallen: weil die mehr 'vom fach' sei.
aha. mal wieder so eine typisch deutsche absage: wer einen schein hat mit stempel drauf gilt als 'vom fach'. jahrzehntelange erfolgreiche erfahrung ohne schein mit stempel gilt nicht als 'vom fach'.
am telefon habe ich mich noch sehr zusammengerissen. diese eiskalte personalerblondine wollte ich auf keinen fall merken lassen, wie sehr ihre absage mich in einen abgrund der hoffnungslosigkeit stürzte. ich blieb höflich, korrekt und freundlich, bedankte mich sogar für den schnellen bescheid und die persönlichen worte.
nachdem ich das telefon abgestellt hatte, ging gar nix mehr. meine perspektive war futsch, meine façon auch und ich habe den nachmittag, den abend und die nacht durchgeheult. bin mit tränen im gesicht wach geworden und habe mir den frühstückskaffee versalzen.
soll ja ganz gut sein, wenn man gleich weinen kann, weil es den ganzen psychostressdreck rausspült aus körper und seele. bloß ist in meinem leben schon seit langem immer so dermaßen viel psychostress, dass ich mich innerhalb der letzen jahre nicht an einzigen tag erinnern kann, an dem ich nicht zumindest eine zeitlang heulend in der ecke gesessen wäre. oft waren es eher zwei zeiten lang oder mehr.
so viel augenantifaltencrème kann ich gar nicht benutzen, um diese tränensäcke jemals wieder auszubügeln. hartz4 macht häßlich!
im lauf des vormittags spürte ich, wie meine verzweifelte enttäuschung sich allmählich in wut verwandelte. wie konnten die sich das nur entgehen lassen?! diese einmalige chance?! mich hochqualifiziertes goldschatzstück zu einem solchen dumpinglohn?! pah! selber schuld!!
jetzt, aus etwa dreißig stunden abstand betrachtet, war dieses bewerbungsgespräch eines der fiesesten, die ich jemals erlebt habe.
habe ich eigentlich schon erwähnt, dass ich mich auf ein hochschul-sekretariat mit publikumsverkehr beworben habe? dass in der 'prüfungskommission' zwei lehrstuhlinhaberinnen, die personalerchefin und eine personalrätin saßen?
die vier haben es nicht einmal gemeinsam geschafft, mir auch nur ansatzweise mitzuteilen, welche aufgaben ich dort eigentlich zu erfüllen gehabt hätte. es gab nicht eine einzige frage, in der eindeutig nach für die zu besetzende stelle notwendigen qualifikationen gefragt wurde.
statt dessen spielten sie mit mir spekulatives stehgreiftheater:
„stellen Sie sich vor, Sie kommen an ihrem ersten arbeitstag hierher und niemand ist da. die ganze hoschschule ist leer. wie kommen Sie an die informationen, die Sie brauchen, um Ihre arbeit zu erledigen?“ wie bereits gesagt, man hatte mir weder mitgeteilt, was denn meine arbeit eigentlich sei – noch wie die aufgaben unter den insgesamt drei fakultätssekretärinnen aufgeteilt sind.
ich sagte nicht, dass ich wohl kaum ins gebäude reingekommen wäre, wenn nicht einmal der hausmeister da wäre. ich habe auch nicht gesagt, dass ich mich dann erst mal hinsetze und in meinem eigenen kalender nachschaue, ob ich mich vielleicht im datum geirrt haben könnte und aus versehen an einem sonntag gekommen bin. erst recht nicht habe ich gesagt, dass ich mir dann erst mal nen kaffee kochen, ne halbe stunde warte, ob noch jemand kommt und – wenn das nicht der fall sei, stinkesauer wieder heimgehen würde. unausgesprochen blieb auch, dass ich es für ausgesprochen unkollegial hielte, mich an meinem ersten arbeitstag ohne einarbeitung so dermaßen auflaufen zu lassen. für mich wäre das ein kündigungsgrund.
„was tun Sie, wenn einer der professoren Sie unangemessen laut und ungerecht vor anderen herunterputzt und niederbrüllt?“ - „wie gehen Sie damit um, wenn eine professorin merkt, dass Sie gerne texten und Ihnen immer öfter solche aufgaben überlässt? zusätzlich?“ - „was machen Sie, wenn dann auch die kollegin merkt, dass Sie das gut machen und neidisch wird, weil Sie bei den professoren so gut dastehen?“
solcherlei fragen ließen mich vermuten, dass es sich bei der ganzen abteilung in der tat um einen ziemlich unkollegialen haufen durchsetzungsunfähiger profilneurotiker und pädagogisch wertloser choleriker handelt. insgesamt hatte ich den eindruck, dass hier nicht eine sekretärin gesucht wurde, sondern eine konfliktmanagerin und mediatorin, die den kommunikationsstau gegen größte widerstände wieder in fluss bringen soll.
„.... und wenn die kollegin Ihnen dann auch noch textaufgaben zuschustert, weil Sie weiß, dass Sie das gut können und sie selbst macht es nicht so gerne?“ - „.... und wenn Sie so viel texten, was ja keine klassische sekretariatsaufgabe wäre – würden Sie dann nicht mehr geld haben wollen?!“ - ja wie jetzt?! ziehen die mir geld ab, wenn ich mal zwei stunden mit niederqualifiziertem fotokopieren zubringen muss?!
„.... es wird niemand mehr da sein, der Sie einarbeiten kann, wenn Sie im januar hier anfangen. wären Sie bereit, im monat vorher 'sich einzubringen' (ohne bezahlung versteht sich!) und sich das wichtigste zeigen zu lassen?“
ja. gegen jede überzeugung, dass einarbeitung zur arbeitszeit gehört: ich wäre dazu bereit gewesen, als diese frage im bewerbungsgespräch gestellt wurde. ich wollte die stelle. ich wollte arbeiten.
aber jetzt, nachdem ich mich noch einmal gut sortiert und alles revue habe passieren lassen, bin ich geradezu dankbar, dass ich diesen job in einer so staubig unkollegialen atmosphäre nicht werde machen müssen. das riecht doch geradezu nach kompetenzrangelei, respektloser unachtsamkeit, diffuser überforderung und mobbing schon im ansatz. typischer frauenjob eben. mit typisch niedrigem frauenlohn obendrein.
bei allem inneren aufruhr, übrigens, war ich nicht eine sekunde damit beschäftigt, darüber nachzudenken, ob ich diese blöde katastrophe in einer badewanne voll schampus ersäufen soll und mich gleich mit.
ich stelle also fest, dass ich über eine ganz erstaunliche resilienz verfüge. das macht mich nicht reich – aber stark. und es bereichert mein leben!
postscriptum am 17. dezember 2009:
die geschichte hat eine fortsetzung
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