Besondere Ereignisse erfordern besondere Maßnahmen. Denn irgendwas is' immer ....
[über den Umgang mit Katzen & Vermietern - und andere wichtige Dinge im Leben einer Frau]
allerbeste zeit, um sich mit einer
überschrift für das kommende jahr zu beschäftigen. ihr wisst ja,
dass ich mein büro für besondere maßnahmenalljährlich unter ein anderes motto stelle.
in 2012 war's „Jeder Tag ist eine
Reise. die Reise selbst ist das Zuhause.“ von Matsuo Basho.
was machen wir mit 2013? was passt als (beg)leitsatz fürs
nächste jahr? was trifft die perspektive? oder die quersumme zukünftiger ereignisse?
damit ich mit dieser aufgabe nicht so
alleine bin, dachte ich mir: mach mal einen kleinen wettbewerb, dann
wird’s lustiger!
gesucht wird also ein besonderer spruch, ein satz, ein zitat
für 2013 - würdig des büros für besondere maßnahmen - oder
so dermaßen ambitioniert, dass das büro für besondere maßnahmen sich dessen erst im lauf des jahres
würdig erweisen wird.
vielleicht ein eigener ausspruch, der selbst
eine besondere maßnahme war? oder ein satz, der zu besonderen maßnahmen anstiftet und verleitet? oder ein nicht alltägliches zitat für alle tage?! fraulich darf es gerne sein,
sinnlich oder frech. gerne quer gedacht, nachdenklich natürlich
auch, in jedem fall aber lebensbejahend …
wer mitmachen will, schreibt ihr/sein lieblingszitat bitte bis zum 16. dezember 2012 24.00 Uhr in einen kommentar unter
diesen post, gerne mit einer kleinen begründung ;-)
unter allen vorschlägen wird eine
kompetente jury (also ich und vielleicht noch jemand anders) dann das
"jahreszitat 2013" auswählen (ganz undemokratisch und ohne
vorhersehbare regeln). das ergebnis wird am 18. dezember 2012 in
diesem blog verkündet.
zur belohnung für alle teilnehmerInnen
erwartet euch meine besondere maßnahme zum jahresende:
1)
wer das gewinner-motto vorschlägt,
erhält den exklusiven terminkalender „Büro für besondere
Maßnahmen 2013“, versehen mit dem gekrönten jahreszitat und rosenkatzen-logo! (falls mehrere vorschläge für dasselbe zitat
eingehen, entscheidet das los). die agenda kommt als spiralgebundenes
notizbuch im format 21 x 14 cm, eine woche auf zwei seiten - mit
europakarte, weltzeitzonen und ein paar seiten extra für eure
notizen.
2)
unter allen anderen teilnehmerInnen
verlosen wir als dickes-mitmach-dankeschön! den - nicht weniger exklusiven - wandkalender „Büro
für besondere Maßnahmen 2013“ mit dreizehn wunderschönen fotos
aus diesem blog - format 28 x 21 cm (aufgeklappt 43 x 28 cm, mit
reichlich platz für eigene einträge).
so. nun bitte ich um eure vorschläge! macht schnell, ihr habt nur knapp drei wochen zeit!
ps.
kleingedrucktes:
- der rechtsweg ist ausgeschlossen
- persönlich übermittelte daten
werden nur für die verlosung gespeichert und ggf. für den versand
des gewinns genutzt. sonst nix. keine werbung oder so'n shice,
versprochen!
von allem etwas, aber für spezialinteressierte und suchmaschinen viel zu breit gefächert - so wie ich eben auch als frau und als mensch bin.
umso erstaunter war ich vorgestern, als die statistik mir anzeigte, dass mein blog bei google auf rang 12 steht, wenn man - irgendwo in der nähe von Hannover - das allerwelts-stichwort „Büro“ ins suchfeld eingibt. yeah!
hier im südwesten der republik sehe ich mich bei google nicht mal unter den ersten fünfhundert der ungefähr 230 millionen ergebnisse, geschweige denn unter den top twenty.
Hannover muss ein ganz besonderer ort sein! denn gugle irrt sich nicht. niemals.
gerade erst hatte ich gedacht: „jetzt
haste aber ne menge erfahrungen gemacht. gerade die letzte war ja
mal wieder eine echte herausforderung, zu buchen auf das lebenskonto 'erfahrungen - sollseite'. nun könnte zur abwechslung einmal etwas kommen, das ich aus dem fundus an bereits gemachten erfahrungen locker bewältigen kann - damit ich ein bißchen luft habe, um mich
mit aller kraft in die neue stelle einzuarbeiten, gut fuß zu fassen
und souverän zu werden ...!“
blühender glücksklee (oxalis tetraphylla)
aber immer dann kommt das leben,
watscht mir ins gesicht und sagt „äätsch-bäätsch! ich habe noch
was neues für dich!“ ZACK!
dieses luder.
keine drei monate war ich im medienkonzern, halbtags, als redaktionsassistenz für
drei verschiedene redakteurinnen. im grunde musste ich dreierlei jobs
neu lernen, für jede einen, ganz unterschiedliche aufgaben in
unterschiedlichen redaktionssystemen und software-backends.
vielerlei, alles sehr komplex.
obwohl ich als zeitarbeiterin schon
fast ein dreiviertel jahr in einer anderen abteilung gearbeitet
hatte, kam ich mir vor wie in einer neuen firma. erfahrene
kolleginnen sagten: „da brauchst du mindestens ein jahr, um dich
einzuarbeiten.“ eine ganz ehrliche kollegin sagte: „um sich
wirklich auszukennen, braucht man zwei jahre.“
sehr viel auf einmal, so schnell wie
möglich, oft sekundenschnelles hin- und her-switchen: auf emails und
kundenanfragen umgehend reagieren; dazwischen komplexe übersetzungen
juristischer texte aus dem deutschen ins englische (zu denen eine
befreundete diplomübersetzerin gesagt hatte, dass sie sich das nur
zutrauen würde, wenn ein muttersprachlicher arbeitsrechtler das
gegenliest); gleichzeitig zweierlei portalsforen auf neue einträge
überwachen (und beantworten); stundenlanges akribisches prüfen
diffiziler textbausteine in der software (ist die englische
übersetzung korrekt, stimmt die zuordnung …); das alles und noch
viel mehr - im geräuschpegel von teils laut telefonierendem
großraumbüro und baustellenlärm vor dem fenster.
unmöglich, mir alles gleich beim
ersten mal zu merken. ich habe kein fotographisches gedächtnis. mein
mensataugliches hochleistungshirn im overload. ich schwamm. stück
für stück fand ich mich ein, tag für tag schaffte ich mir mehr
boden mehr unter die füße.
wenn ich nicht weiterkam, fragte ich
die kollegInnen. so war es vereinbart. wenn ich fehler machte, wurde
ich darauf hingewiesen, hörte zu, lernte daraus. wie das eben so ist
in einer einarbeitung.
in den vierzehntägigen rücksprachen
mit der redaktionsleitung bekam ich großes lob für meine
übersetzungen. von den beiden anderen erhielt ich kein konkretes
feedback. „solange nichts negatives kommt, ist alles gut im fluss.“ -
dachte ich und strengte mich weiter an.
umso entsetzter war ich, als die chefin in meiner elften woche am neuen arbeitsplatz die rücksprache eröffnete mit den worten: „ich habe
schlechte nachrichten für Sie.“ - ?!?!?! - „Sie wissen sicher
schon, worum es geht.“ - ?!?!?! - „wir wollen Ihnen kündigen.“
- ?!?!?! - „wir haben uns die entscheidung nicht leicht gemacht.“
- ?!?!?! - „Sie sind zeitlich zu unflexibel (ich war pro arbeitstag im schnitt fast eine stunde länger da).“ - ?!?!?! - „Sie
haben überhaupt kein gespür dafür, wann hier viel zu tun ist.“ -
?!?!?! - „Sie haben zum falschen zeitpunkt einen tag urlaub
genommen (das war kein urlaub, sondern - auf den vorschlag der chefin hin - das zeitnahe abgleiten von überstunden und mit allen abgesprochen).“ - ?!?!?!
- „Sie sind im allgemeinen den belastungen dieser stelle nicht
gewachsen.“ - ?!?!?! - „Sie hätten doch merken müssen, dass
schlechte stimmung ist.“
dann legte sie mir die kündigung vor
(abgezeichnet von dreierlei geschäftsführungen und abgenickt vom
betriebsrat). ich hatte den empfang zu quittieren, meinen
schreibtisch sofort zu räumen, die mitarbeiterkarte auf den tisch zu
legen und das haus zu verlassen.
oh leben, du luder!
ich war geschockt und bin es noch.
offensichtlich hatten die drei „herrinnen“ (o-ton chefin) seit
wochen und monaten über mich gesprochen - und nicht ein einziges mal mit mir. ich hatte keine chance, stellung zu nehmen und - was auch
immer - zu verändern, verhalten oder arbeitsweisen zu korrigieren
und anzupassen. statt dessen haben sie meine - angeblichen - defizite
gesammelt und mich ins offene messer laufen lassen.
luder.
ich war nicht gut. ich war ihnen nicht einmal
gut genug, dass ich ihnen die zeit wert gewesen wäre, meine
angeblich ungenügenden leistungen mit mir zu besprechen. ich war scheinbar sogar so
dermaßen schlecht und unerträglich und schädlich fürs geschäft, dass man mich lieber von jetzt
auf gleich wegschickt - und dafür in kauf nimmt, trotz arbeit im
überfluss die stelle nun wieder mindestens sechs wochen lang
unbesetzt zu haben, um anschließend mit einer neuen kollegin und
der einarbeitung wieder ganz von vorne zu beginnen.
abgesehen von dem schock über dieses
unerwartete ende von etwas, das für mich mit ganz viel zuversicht
begonnen hat …; abgesehen von der verzweiflung, jetzt wieder ohne
eine regelmäßige arbeit dazustehen und dem hartz4-amt aufs neue
vollzeit ausgeliefert zu sein …; abgesehen von der trauer, so von
jetzt auf gleich einen wichtig gewordenen teil meines lebensinhalts
abgeschnitten zu bekommen …; abgesehen von der großen
ratlosigkeit, was die entsetzlich große differenz angeht zwischen eigen- und
fremdwahrnehmung …; abgesehen von der verunsicherung, wie ich denn
nun in meinem lebenslauf elegant unterbringe, dass ich bereits während
der probezeit rausgeworfen wurde …
abgesehen von alledem ... bin ich ganz
schön wütend!
denn auch, wenn ich jetzt im augenblick
überhaupt noch nicht weiter weiß, folgendes ist schon mal klar:
es ist überhaupt nicht schön, dass
ich meine arbeit schon nach so kurzer zeit wieder verloren habe. aber
es ist überhaupt nicht schlimm, dass ich diese arbeit nicht mehr
habe:
in einer umgebung, wo ich ohne
hellseherische fähigkeiten ständig angst haben müsste, das falsche
zu tun oder zu sagen, weil jemand anders darauf lauert, mich
vorzuführen, könnte ich auf dauer nicht gedeihen.
für einen betrieb, dessen
devise (u.a.) lautet „Bei uns fahren alle Vollgas. Immer. Wer nicht immer
Vollgas fährt, fährt besser woanders!“, habe ich einfach nicht
genug testosteron im blut, liebe ich das achtsame unterwegs-sein viel
zu sehr.
wenn ich schon im firmensprech, das den
maskulinen singular zur norm erklärt und frauen für nicht weiter
der rede wert hält, nicht vorkomme - dann habe ich dort zwar jetzt meinen job, als kluge frau aber ansonsten nichts verloren.
als ich im juli vom besuch des vaters berichtete, unsere lebenslang schlechte beziehung und seine
erlebnisse im zweiten weltkrieg erwähnte und ihn der von mir so
genannten „eisernen generation“ zuordnete - da ahnte ich nicht, dass
ich ein phänomen beschrieb, das seit einigen jahren einen namen hat.
ich bin tochter von kriegskindern. ich
bin kriegsenkelin.
ich bin tochter von menschen, die im
zweiten weltkrieg selbst als kind militärischen an- und übergriffen
hilflos ausgesetzt waren, die vertreibung und flucht, den verlust von
hab&gut und geliebten menschen ohne filter miterlebten; die ihre
traumata niemals verarbeiten konnten, alle gefühle in sich
verbunkerten, selbst mit überleben beschäftigt waren und von den
eigenen kindern bedingungsloses funktionieren nicht nur erwarteten, sondern auch einforderten.
es trifft nicht nur mich, es trifft
viele. die rede ist von einer ganzen generation. es geht um menschen,
die - in etwa - zwischen ende der 1950er und anfang der 1970er jahre
geboren wurden. die „geburtenstarken“ jahrgänge, auch die.
vermutlich bin ich auch noch
kriegs-ur-enkelin. denn auch die eltern waren ja kriegsenkel, kinder
von menschen, die den ersten weltkrieg als kind erlebt hatten. in der
traumaforschung weiß man heute, dass nicht verarbeitete traumata
sich an die nächste generation vererben können.
wer ein trauma nicht auflöst, gibt es
weiter. passiert das über mehrere generationen hintereinander,
kommen immer neue ungelöste traumata hinzu, das trauma potenziert sich. neue
kriege entstehen - auf allen ebenen: nicht nur zwischen staaten,
sondern zwischen menschen und - schlimmer noch: IN menschen. in mir.
in dir.
das gilt für alle kriege, für alle
katastrophen, überall auf dem planeten. welch eine erschreckende
einsicht. und gleichzeitig: welch eine riesenchance auf heilung, auf
ein kleines bißchen weltverbesserung, wenn ich sehe, dass ich meinen
teil dazu beitragen kann, indem ich mit meiner eigenen genesung
beginne, das eigene trauma auf- und mich erlöse.
eine freundin brachte mich auf die
spur, gab mir einen link, einen buchtitel. ich folgte den hinweisen
und fand informationen, verständnis, unterstützung. ich fand etwas
beruhigung meines inneren aufruhrs, erklärungen für einen teil
meines traurigen lebens von kindheit an. ich fand die chance auf
kleine heilung und linderung des schmerzes.
es wächst ein neues verstehen der
seelischen nöte der eltern - auch wenn ich nicht für alles
verständnis habe und sie schon gar nicht aus ihrer verantwortung
entlassen kann. es gibt keinerlei entschuldigung dafür, die eigenen
kinder zu quälen und zu foltern, niemals.
die einsamkeit bleibt, die emotionale
verwahrlosung, die schreckliche hasserfüllte seelische
heimatlosigkeit, die unendliche angst des „sich-verloren-fühlens“.
die vergangenheit wird ja nicht plötzlich ungeschehen, bloß weil man
sie etwas besser versteht. es gibt keine „undo“-taste fürs
gelebte leben.
die journalistin Sabine Bode hatte sich zunächst mit
Kriegskindern befasst, bevor sie deren kindern, uns kriegsenkeln
also, ein eigenes buch widmete. in „Kriegsenkel“ schreibt sie im
kapitel „Gespenster aus der Vergangenheit“:
„Ich schreibe
über Menschen, denen die eigenen Eltern unwillentlich Schaden
zufügten, und - was die Folgen bis heute so schwer erträglich macht
- deren Eltern keine eigene Beteiligung am Unglück ihres Kindes
sehen, bzw. die überhaupt kein Unglück wahrnehmen.
Sie werden in
diesem Buch nicht beschuldigt, denn als Traumatisierte konnten sie
ihr Handeln nicht richtig einschätzen. Aber sie werden auch nicht
geschont. Denn Schonung würde bedeuten, das Schweigen in die nächste
Generation weiter zu tragen, wo es erneut Verwirrung und
unerklärliche Symptome verursachen könnte.“ *
vater und mutter sind die menschen, die
mir in meinem leben am meisten geschadet haben. sie sind jetzt 80 und
85 jahre alt. sie haben nicht mehr viel zeit, um sich aus ihren
eigenen verwirrungen zu lösen, und offensichtlich so gar kein
interesse daran. was sie eine „wiederannäherung“ nennen, ist für
mich eine fortsetzung der qualen meiner kindheit und jugend. ich darf
nicht sagen, was ist und was war - sonst gibt es keifen und fauchen, zynische
bemerkungen und beleidigten kontaktabbruch.
statt dessen soll ich
sie emotional füttern, hätscheln und päppeln. nur dann bin ich - in ihren augen - die
„gute“ tochter. das lügen den eltern zuliebe aber, damit sie sich ihre eigenen lebenslügen nicht eingestehen müssen, halte ich nur schwer aus: sind sie außer blickweite, mache ich
fressanfälle, knalle mit dem schädel gegen die wand und zerkratze
mir die kopfhaut bis es blutet. nicht wieder zum alkohol, zu nikotin
oder anderen drogen zu greifen, fällt mir in solchen zeiten
besonders schwer.
zu wissen, dass ich mit dem „phänomen“
nicht alleine bin, lindert den schmerz. im internet und in echt gibt
es unterstützung. besonders hilfreich finde ich das „ForumKriegsenkel“ mit vielen informationen, einer aktuellen studie (2012), lebensgeschichten, literaturtipps und links.
hier im blog habe ich ein weiteres
'label' eingetragen, das auf posts verweist, die mit meinem
kriegsenkelin-sein zu tun haben - auch wenn ich das wort
„kriegsenkel“ nicht immer explizit benutzt habe.
gleichzeitig habe ich damit auch mojour - also mir selbst - ein neues 'label' angehängt: immer
unterwegs mit dem ziel, die zu werden und zu sein, die ich wirklich
bin, lautet der aktuelle zwischenstand ungefähr so:
„frühkindlich multipel sexuell und anders traumatisierte, rezidivierend depressive, kreative,
hochsensible hochbegabte, prekär lebende, anonym bloggende
journalistin, trockene alkoholikerin, kalte raucherin und
kriegsenkelin mit autistischen zügen in den wechseljahren“ .... und noch viel mehr!
* aus:
Sabine Bode, Kriegsenkel,
Klett-Cotta 2009, ISBN 978-3-608-94550-8 (S. 30)
nicht nur die probezeit der katze habe ich vor kurzem erfolgreich bestanden und abgeschlossen (sie hat beschlossen, bei mir zu bleiben), sondern auch die ersten sechs monate auf meiner halben zeitarbeitsstelle im verlag habe ich bärinnenstark hinter mich gebracht.
Dolceaqua - Brücke über die Nervia
das war schon anfang mai, als ich aus meinen italienischen zeiten zurückkam. ich war sehr froh, dass ich als redaktionsaushilfe so lange durchgehalten hatte, dass meine kündigungsfrist nun nicht mehr nur zwei, sondern sogar vier wochen betrug.
so viel sicherheit hatte ich fast noch nie zuvor in meinem leben! wir erinnern uns: zu beginn meiner zeitarbeitskarriere im dezember des vergangenen jahres war die kündigungsfrist genau einen tag lang, vierundzwanzig stunden!
immer um zwei monate war mein einsatz verlängert worden, dreimal insgesamt, zum schluss bis ende juli. auch davon erfuhr ich im mai, allerdings mit bitterem beigeschmack. es hatte mir zwar keiner konkret gesagt, aber ich spürte es doch: diese verlängerung war die letzte. die erkrankte kollegin war längst genesen und hatte - unter anderem mit meiner unterstützung - alle rückstände aufgearbeitet. ob meine zeitarbeitsfirma mich danach noch woanders hätte unterbringen können, ist fraglich.
von wegen übernahmeoption! war das doch nur die lockende karotte gewesen, die die zeitarbeitsfirma mir die ganze zeit vor die nase gehalten hatte? mit der in den medien ständig geworben wird? die meist unhaltbare versprechung, dass zeitarbeit wirklich nur 'auf zeit' ist? und ich eselin war brav hinterhergetrottet?!
ja.
und nein.
ja, weil es in der bisherigen abteilung für mich definitiv nicht weiterging.
nein, weil genau zur selben zeit in einer anderen abteilung im haus eine stelle als redaktionsassistenz neu ausgeschrieben wurde: teilzeit, unbefristet. meine große chance!
nach rücksprache mit dem alten team habe ich mich beworben, wurde eingeladen zum vorstellungsgespräch, später ein kennenlernkaffee mit den neuen kollegInnen - und wurde genommen! nicht zuletzt, weil ich bereits im haus gearbeitet hatte und mir vieles bereits vertraut ist; weil die vorgesetzten untereinander geredet haben, was zu bereden war.
als halb-interne quereinsteigerin aus der zeitarbeit hatte ich den entscheidenden vorsprung. für diese chance bin ich allen beteiligten unendlich dankbar!
ich war - einmal im leben! - zur richtigen zeit am richtigen ort! plötzlich ging alles ganz leicht, und deswegen hat nun für mich an anderer stelle eine neue probezeit gerade erst begonnen:
auch wenn ich im selben betrieb bin, so ist in der neuen redaktion doch sehr vieles neu für mich: die inhalte, das team, der umgangston. es ist fast so, als ob ich nun in einer anderen firma arbeite - aber eben nicht ganz.
endlich habe ich auch einen eigenen festen arbeitsplatz (in mehrfacher hinsicht) - und wandere nicht länger von einem schreibtisch zum anderen - wo immer gerade platz ist, weil jemand urlaub macht oder krank ist. statt dessen gibt es sogar ein schild an 'meiner' großraumbürotür, auf dem - alphabetisch eingeordnet - mein name zwischen den anderen steht. ich bin jetzt mittendrin.
leider sind auch hier im 'reichen südwesten' die einstiegslöhne erheblich gesunken. ich verdiene nur noch ein bruchteil von dem, was mir 'früher' im 'armen nordosten' mal gezahlt wurde. deswegen kann ich auf ergänzendes arbeitslosengeld im augenblick noch nicht verzichten. immerhin ist mein gehalt ein bißchen mehr als in der zeitarbeit. das amt kann sich also freuen. ich werde billiger. es fehlt nicht mehr viel.
meine zwanzig stunden wochenarbeitszeit darf ich auf vier tage legen, welch ein luxus! nach einer solchen stelle habe ich mehr als zehn jahre gesucht: eine, die zwar nicht so ganz 'meins' ist - aber einigermaßen erträglich, vielleicht sogar hin und wieder spannend, die mir die basics finanziert, eine durchaus anspruchsvolle herausforderung - aber weder mich noch meine gesundheit überfordert.
sogar meine ärztin hat mir gratuliert. auch sie ist der meinung, dass ich jetzt erst einmal alle kraft auf die erfolgreiche einarbeitung legen und mich nicht zusätzlich belasten sollte (das amt und der vermieter sehen das leider nicht so. aber davon ein andermal - heute ist party!).
das wichtigste ist jetzt, dass ich das halbe jahr probezeit gut bestehe und auch tatsächlich in den unbefristeten vertrag übernommen werde.
es sieht ganz danach aus, als hätte ich einen arbeitsplatz gefunden, an dem ich bleiben kann.
und will.
und soll!
ein wunder!
eine brücke über den reißenden fluß!
damit ist von meinen vielen, mich so unendlich belastenden lebensbaustellen wenigstens bei einer alles bestmöglich auf den weg gebracht und - so hoffe ich - ein heiteres geradeaus in sicht.
ich werde jedenfalls von meiner seite alles dafür tun.
es ist unsere erste begegnung nach mehr als viereinhalb jahren. sein erster besuch in meinem leben seit mehr als dreizehn jahren. meine wohnung hat er dennoch lieber nicht betreten. wir sitzen auf der terrasse einer renommierten konditorei. der dicke alte mann schaufelt schwarzwälder kirschtorte in sich hinein. ich trinke kaffee mit schlagsahne.
der vater wunderte sich: „Ja darfst du denn immer noch keinen Alkohol ….?“ ich bleibe geduldig. „nein, ich bin trockene alkoholikerin. das weiß du doch, dass man da nicht mehr trinken kann.“ - „Ja aber ich dachte, nach ein paar Jahren, wenn man brav war, dann könnte man wieder ….“. sie wollen es nicht wahrhaben, diese eltern. ich bin schließlich ein wunschkind, und ein wunschkind hat den wünschen der eltern zu entsprechen. „alkoholkrank“ stand nicht auf ihrer wunschkindeigenschaftswunschliste, also wird es ignoriert und freunden gegenüber verheimlicht.
dabei war er es, der mit der 13-jährigen zum „bier-trinken-üben“ in die kneipe ging. „Das wird dir nicht gleich beim ersten Mal schmecken, Tochter. Das ist bitter. Du wirst es öfter versuchen müssen.“ ich wollte seine gute tochter sein und überwand die bitterkeit so lange, bis ich ohne nicht mehr sein konnte.
immerhin ist er innerhalb weniger wochen ein zweites mal quer durch die republik gefahren, um mich zu sehen. sein erster versuch war im mai, als ich in italien war. da war er einfach losgefahren, traf mich nicht an, hinterließ anonyme botschaften auf meiner anrufbefürworterin, die mich bei meiner rückkehr in angst und schrecken stürzten.
ich löffle noch etwas sahne vom extraschälchen auf meinen kaffee.
„wieso hast du dich damals nicht angemeldet?“ - „Ich wollte dich überraschen.“ - „hattest du angst, ich würde nein sagen am telefon? hast du gedacht, wenn du mir die pistole auf die brust setzt und gleich vor der tür stehst, könnte ich dich nicht wegschicken?“ - „Ja.“ wenigstens ist er ehrlich.
in mir eine große vielschichtigkeit von gefühlen:
überfälle finde ich brutal und respektlos. das macht mich wütend. aber ich behalte es für mich. weil ich weiß, dass er dann wieder eingeschnappt wäre. das alte muster. es besteht die gefahr, dass er wieder jahrelang nicht mit mir reden würde, so wie beim letzten mal. so viel lebenszeit hat er nicht mehr.
gleichzeitig fühle ich mich schuldig, weil ich bei seinem ersten besuch im mai nicht zu hause war. der kerl arbeitet seit jeher mit emotionaler erpressung. das ist unerträglich.
gleichzeitig bin ich gerührt von seiner anstrengung, sich mir – auf die beste ihm mögliche weise – wieder anzunähern. gerührt auch von seiner unbeholfenheit.
trotzdem: ich kann ihn nicht leiden, finde ihn eklig. dieser mann hat meine kindheit versaut, meine jugend, mein leben. ich hasse ihn. er war zynisch, desinteressiert. sein häufigster satz, seitdem ich ein i-dötzchen war: „da musst du alleine mit klarkommen. da kann ich dir nicht helfen.“
er war nicht da für mich, niemals fühlte ich mich geborgen. meine bedürfnisse hatte ich den seinen unterzuordnen. tat ich es nicht, sorgte er für mein schlechtes gewissen: ich war schuld, wenn es ihm schlecht ging. wenn er da war, lief ich auf zehenspitzen, alle antennen nur darauf ausgerichtet, ihn nur ja nicht zu stören. er hat mich oft dabei erwischt. ich war nicht leise, nicht unsichtbar genug.
das, was ich sagen will, ist zu viel. mit dem löffel versuche ich, die sahnhäubchen in den kaffee zu tunken und unter der oberfläche zu halten.
der vater ist fast achtzig. er gehört wie die mutter zur eisernen generation, die im zweiten weltkrieg kind oder jugendlich war und erlittene verluste niemals richtig betrauern oder erlebte schrecken verarbeiten konnte. sie sind die ewigen opfer, denen es von allen immer am schlechtesten ging: „Also halte den Mund, Kind! Und jammere nicht! Dir geht es doch gut!“
er spricht von seiner schulzeit, die 1939 begann - und wie er damals von lehrern geschlagen wurde. heischt mitleid „Wenigstens das haben wir dir doch erspart.“ wieder habe ich ein schlechtes gewissen, weil ich „nur“ mit angst, kopf- und magenschmerzen in die schule ging. ich bleibe bei mir so gut es geht und sage „du weißt selbst sehr gut, dass man kinder nicht verprügeln muss, um sie zu quälen und zu foltern.“
„Aus der Sicht der Kinder mag manches anders aussehen als aus der Sicht der Eltern. Aber Eltern haben nun mal die Macht, Ihren Kindern gegenüber immer im Recht zu sein.“
dabei schaut er mich durchdringend an, fast triumphierend. ich verstehe: er duldet keinen widerspruch. der vater besteht auf seiner macht. mit großer kraft bleibe ich diplomatisch: „damals hatten kinder noch nicht das recht auf eine gewaltfreie kindheit. das hat sich inzwischen geändert. es gibt jetzt kinderrechte.“
er kotzt mich an in seiner unfehlbaren selbstgerechtigkeit, die zu keinerlei selbstkritik fähig ist.
ich löffle die ungezuckerte schlagsahne, die nicht untertauchen will, in meinen mund, und bin getröstet von ihrer weißen weichheit.
wir kommen nicht zueinander. er wechselt das thema, obwohl wir das vorige noch gar nicht besprochen hatten. zu vieles bleibt ungesagt.
nach fünf kontaktlosen jahren möchte er fakten aus meiner gegenwart. ich berichte von langer erwerbslosigkeit und vom leben mit hartzIV trotz arbeit. er weint, als er mir als gruß von der mutter einen hunderteuroschein in die hand drückt: "Für Blumen."
ich erzähle auch von meiner derzeitigen halbtagsstelle, die mich viel kraft kostet. er verabschiedet sich winkend und ruft mir freundlich hinterher: „Da musst du jetzt alleine durch. Da kann dir keiner helfen.“
damit hat er natürlich recht. genau so ist es. ich hätte gerne einen menschen in meinem leben gehabt, der die bezeichnung „vater“ verdient. da muss ich schon mein leben lang alleine durch.
ps am 1. Oktober 2012:
durch reaktionen auf diesen text bin ich dem begriff "kriegsenkel" begegnet. in "kriegsenkelin" habe ich mehr dazu geschrieben.