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Januar 2021

Das Büro für besondere Maßnahmen ist ab sofort erreichbar auf mojour.de

Nach und nach werden alte Beiträge – ggf. aktualisiert und überarbeitet – dorthin umziehen. Bitte folgen ... :-)

Mittwoch, 23. Januar 2013

zuversicht

ein wortgeplänkel

es ist januar. im tal hängt ein undurchsichtig grauer himmel, aus dem es nasses, gefrorenes zeugs auf die kalte erde schmeißt. seit wochen schon.

der job ist gekündigt, das konto leer, neue aufträge sind nicht absehbar.

„zuversicht“ heißt das zauberwort der stunde. ach, was sage ich?! des tags! der woche! des monats! des jahres! meines ganzen lebens gar!

die ersten tulpen 2013 - porzellanrosa geflammt

ohne zuversicht geht nichts. an tagen wie diesen, wenn alles grau in grau versinkt, wenn es nicht hell werden will, weder draußen noch in meinem herzen - dann ist ihr allerdings nur schwer beizukommen.

zuversicht, was ist das eigentlich?

„optimismus“, sagen die einen - „glauben an das gute“, sagen die anderen. es könnte aber auch ein gefühl sein. oder eine lebenseinstellung. ein flüchtiger gedanke oder eine charaktereigenschaft: „vertrauen in den eigenen weg“ - so würde ich es wohl selbst umschreiben. aber ist das nun ein knubbel im kopf? oder eher eine windung im darmhirn?

mag sein es ist - wie eine gute freundin es einmal formuliert hat: „die fähigkeit, positiv zu denken angesichts schwieriger lebensumstände“

ja, das trifft es wohl. aber was tun, wenn schon wieder etwas schief geht, das mit so viel erwartungsvoller energie gestartet wurde? was tun, wenn die kraft nicht ausreicht, um den widrigen lebensumständen die stirn zu bieten?

„man muss an so vielen fronten stark sein“ - sagte eine kollegin, als wir beim mittagessen in der verlags-kantine über die verschiedenen lebensaufgaben sprachen. und sie, die sonst immer alle herausfordernd anblitzt, senkte resigniert den blick.

"so viele fronten", sagte sie. nicht nur ein einzelner kampf, zu dem sie herausgefordert ist. für solche fälle gibt es das wort „zuversicht“ auch im plural. „zuversichten“ heißt es dann. so kann man für jede einzelne front eine eigene zuversicht haben, dass man den kampf gewinnt - oder zumindest locker und lebendig durchkommt.

wieviele zuversichten braucht der mensch? und wieviele hat er? werden sie uns in die wiege gelegt? kriegt jedeR gleich viel? sind unsere zuversichten irgendwann alle aufgebraucht? woher kriegen wir dann neue? basteln wir zuversichtlich welche selbst? werden zuversichten in fabriken hergestellt, und wir müssen sie dann kaufen? oder werden zuversichten gezüchtet und vermehrt, geerntet oder geschlachtet und auf dem wochenmarkt angeboten? kriegen wir sie vielleicht geschenkt? oder gilt „wenn weg, dann weg“ - wie bei besonders günstigen und nur begrenzt vorrätigen sonderangeboten? müssen wir gut auf sie aufpassen? etwa in den kühlschrank legen, damit sie länger halten? oder in einen blumentopf pflanzen, damit sie gut gedeihen?

wenn es zuversichten im plural gibt, sind die dann alle gleich? oder gibt es für jede lebenslage eine andere zuversicht, große und kleine, dicke und dünne, rote und gläserne und eckige und heiße? woher weiß ich, welche art von zuversicht für meine aktuelle lebenssituation die jeweils bestmögliche ist?

und falls ich die benötigte art von zuversicht gerade nicht vorrätig habe, woher kriege ich die dann? kann man sie überhaupt vorrätig haben? oder nimmt man lieber eine frische?

wenn das alles so kompliziert ist mit den zuversichten, wäre es dann nicht besser, gleich auf sie zu verzichten? ökologischer? nachhaltiger? wohin wird eigentlich eine nicht mehr benötigte bereits benutzte zuversicht entsorgt? kann eine qualitativ hochwertige zuversicht sich nach gebrauch in ihr gegenteil verkehren und irgendwo-irgendwann-irgendeinen schaden anrichten? brauchen wir ein produktmanagement und eine DIN-zertifizierung?

man ist ja lieber vorsichtig mit solch ungreifbaren begriffen ...

und doch … irgendwo höre ich es leise flüstern. ich verstehe jedes wort, auch wenn ich es nicht immer glauben kann. aber ich bin ganz sicher: die zunge meiner rheinländischen kindheit lügt nicht.

artikel 3 des kölschen grundgesetzes lautet:
„et hät noch emmer joot jejange“
(es ist bisher noch immer gut gegangen)

und das ist für mich der inbegriff aller zuversicht - ganz egal, ob in der luxus- oder in der alltagsversion!

Mittwoch, 9. Januar 2013

die göttin vergessen

kommen reisende mit dem schiff übers mittelmeer, so leuchtet die kleine stadt Selimiye an der pamphylischen küste schon von weitem:

Apollon-Tempel - Side (Türkei)

der apollon tempel wurde römisch erbaut im 2. jahrhundert vor unserer zeit, byzantinisch zerstört etwa 500 jahre später - und vor rund 30 jahren eigens für die touristen als fassade wieder hergerichtet im postmodernen ruinenstil. dazu wurden die besterhaltenen stücke aufeinander gestellt wie der klötzchenbaukasten. lücken und wackelnde elemente wurden aufgefüllt mit zement und beton.

der rest liegt mehr oder weniger sortiert herum. des riesige marmorpuzzle wird erschwert durch den umstand, dass es ursprünglich einmal zwei tempel waren, viele originalstücke längst verschwunden sind, gesichtete teile erst kürzlich nummeriert wurden und zwischendurch auch noch eine bischofsbasilika am selben platz stand.

vom zweiten, größeren tempel ist heute fast nichts mehr zu sehen. ein paar fundamente noch, abgewetzte säulensockel. man stolpert drüber und merkt doch nicht, wie wichtig der platz einmal war:

das heiligtum von athene, patronin des seehandels und verehrt als schutzgöttin der antiken hafenstadt Side. hauptamtlich war athene zuständig für die ressorts weisheit, strategie und kampf, nebenbei auch noch für kunst, handwerk und handarbeit.

athene galt als klug und intelligent; als streitschlichterin, die nur in den krieg zog, wenn er sich nicht vermeiden ließ. sie hat keinen ihrer kriege verloren und zählt zu den drei 'jungfräulichen' göttinnen: wie hestia und artemis war auch athene nicht 'verheiratet' und auf keinen mann angewiesen. eine starke frau also.

bevor ich mich auf den weg ins türkische side machte, wusste ich schon, dass es ihren tempel nicht mehr gibt. an seiner stelle sei nun ein café, las ich irgendwo. voller vorfreude sah ich mich täglich in diesem café sitzen mit blick aufs meer, ausgerüstet mit stift und notizbuch meinen kaffee trinken und - athenens göttliche energie tanken! tja. pustekuchen! nach dem café suchte ich lange, weil da keines ist.

auch nach dem platz, an dem der athene-tempel einst stand, suchte ich lange. weil er so nichtssagend ist, dass alle einfach drüberlatschen. dabei ist es direkt neben dem wiederhergestellten apollon-portal: ein paar weiß-rote absperrgitter um bettgroße ausgrabungen und viel freier platz drumherum. that's it.

bis ich das wusste, habe ich eine menge menschen danach gefragt. es war ein richtiger 'athene in side spurlos verschwunden'-krimi ....

ich fragte einen türkischen reiseführer, der einer deutschen reisegruppe das antike ensemble erklärte. athene kam nicht darin vor. auf mein nachfragen antwortete er sehr herablassend, dass es an dieser stelle immer nur einen apollon-tempel gegeben habe. niemals einen athene-tempel.

wie ich später herausfand, stand er dabei genau vor dem blechschild, auf dem mehrsprachig erklärt wird, wie die beiden tempel früher einmal angeordnet waren. er verdeckte es mit seinem sonnenschirmchen.

ich fragte andere touristInnen: nichts als ahnungsloses schulterzucken. „athene? nein? hier ist nur ein apollon-tempel.“ was nicht zu sehen ist, das existiert auch nicht.

ich fragte die laden- und restaurantbesitzer entlang der angrenzenden einkaufsstraße. sie wollten mir alle etwas verkaufen, mir einen heißen tee oder einen frisch gepressten granatapfelsaft servieren. ich wollte weder tee noch teppich, blieb stur und erntete hohn und gelächter.

„einen athene-tempel? nein, den haben wir nicht, hatten wir noch nie. niemals nicht. wo soll das sein?“

athene ist schon längst nicht mehr der rede wert. sie wurde erst vom christentum, dann vom islam für entbehrlich gehalten und ist in vergessenheit geraten.

ich fand den ort der göttin am späten nachmittag, als ich mir die alten steine rund um apollon noch einmal ansah; ich entdeckte die blechtafel mit dem grundriss und - abseits an die mauer der ehemaligen basilika gelehnt, noch ohne festen platz - eine weitere blechtafel mit ein paar erklärenden worten.

Tempel der Athene, Side

athenes heiligtum stand - ebenso wie das ihres männlichen kollegen aus dem olymp* - an exponierter stelle. es muss gigantisch schön und sehr beeindruckend gewesen sein, beide tempel nebeneinander zu sehen.

ich wage zu behaupten, dass man dem platz - auf der vordersten landzunge der schmalen halbinsel mit einem rundum-ausblick aufs meer - die göttliche energie bis heute anmerkt. das war für mich ein großer kraftort. so oft wie möglich war ich dort, saß oder stand einfach so herum. beobachtete das volk. spürte vergangene zeitalter und hörte die götter tuscheln.

apollon begegnete ich in der vollmondnacht: er kam als großer weißer hund, platzierte sich majestätisch auf einer halben marmorsäule und zeigte mir sein schönes profil. sehr lange saß er unbeweglich so da. ich habe ihn den platz nicht verlassen sehen.

athene kam als kleine, schwarz-grau gestromte katze. sie besuchte mich täglich im hotel, schlich über den balkon in mein zimmer. schnurrend berichtete sie, wie zwei verehrungslose jahrtausende an ihr vorüberzogen. sie hat nichts verloren. weder von ihrer schönheit, noch von ihrer macht.



ps.*
der olymp, übrigens, oberhaus der griechischen zwölfgötter, war ganz paritätisch besetzt - gleichermaßen gegendert - mit sechs göttinnen und sechs göttern. daran sollten sich regierungen, aufsichtsräte und andere männerclubs der gegenwart ein beispiel nehmen. die frauenquote ist keineswegs eine erfindung der neuzeit. seit jeher gehört uns die hälfte des himmels.

Montag, 7. Januar 2013

granatapfelsaft

besondere maßnahme no. XXVI

es ist doch schön, auf einem planeten zu leben, der so wunderbar vielfältig ist, dass auch nach einem halben jahrhundert aufenthalt hier immer noch täglich dinge vorkommen können, die nie zuvor gesehen gehört geschmeckt gespürt waren.

türkischer Granatapfelsaft, frisch gepresst

mein neuestes highlight ist … dieser tiefst dunkelrote, köstlich süßherbe frisch gepresste granatapfelsaft. besonders lecker fand ich ihn (das ist auf dem bild nicht zu sehen, gehörte aber zum gesamtarrangement) mit meeresrauschen im ohr, einer sanften brise auf der haut, einer schnurrenden katze auf den knien und serviert von einem charmanten lächeln südländischer herkunft.

das alles gibt es für nur einen euro am strand westlich von side, türkisches mittelmeer: am unbebauten teil hinter den ruinen der antiken stadt.

warum ausgerechnet da? in der touristen-hochburg von germanisch-türkien schlechthin, wo sonnenhungrig reisende ausgenommen werden wie hierzulande die weihnachtsgans?

nun, das kleine business am unbevölkerten beach war eine erholsame ausnahme vom ausgenommen werden. da standen einfach ein paar stühle vorne am strand, drei meter von der wasserkante weg, wo ich (wie aufmerksame blogleserInnnen wissen) egal an welchem strand der welt gerne mit nackten füßen genüßlich kilometerlang am meer entlang plitsche: meine lebenslange lieblingsbeschäftigung, zu der ich leider viel zu selten komme.

die händler in side sind - so hörte ich sagen - die dreistesten der ganzen türkei, was nepp und kundenfängerei angeht. ob das so stimmt, kann ich nicht bestätigen, weil ich nicht sehr viele orte in der türkei kenne. dass aber die händler in side bisweilen unverschämt, überteuert und sehr unangenehm klebrig sein können, habe ich selbst erlebt. „mein“ granatapfelsafthersteller und -verkäufer war eine rühmliche ausnahme.

Granatapfelsaftproduktion am Strand von Side

herr serdar saß hinter seinem tisch mit blick aufs meer und wartete geduldig auf kundschaft. kein rufen kein säuseln kein brüllen kein palaver kein überreden kein geschwalle keine blumigen versprechungen und erst recht kein beleidigtes schimpfen, wenn man das angebot nicht wahrnehmen wollte. sein saft kostete einen euro - wie überall sonst auch. ich darf daran erinnern, dass es hierzulande für einen euro mal gerade einen granatapfel gibt - wenn er günstig ist.

ich mochte die schlichtheit seiner ausrüstung auf dem leicht verwitterten kunststofftisch: die schon etwas rostige aber funktionstaugliche saftpresse, das obst auf dem einem tablett, auf dem anderen gläser, strohhalme und servietten; das vom blutroten saft getränkte holzschneidebrett mit den vielen schnittnarben vom großen messer. sonst nichts.

side im späten herbst. saftdurstige touristen gab es an dieser stelle des strands nicht mehr viele. in den oft langen pausen kraulte der mann seinen strandkater romeo. bei einem späteren besuch überließ er ihn mir vertrauensvoll.

Granatapfelsaftproduzent mit Firmenkater Romeo

„efendi nar suyu” - mister pomegranate juice am herbstlichen mittelmeer, sanfte brandung und kribbelnder sand zwischen meinen nackten zehen, blutroter saft und katze. das war mein kleines paradies.

meinen saft übrigens habe ich ganz alleine getrunken. nie, niemals! käme ich auf die idee, mein stück vom paradies mit einem mann zu teilen. wir wissen ja, was für eine katastrophe biblischen ausmaßes dabei herausgekommen ist: eva war einfach zu nett, als sie ihren paradiesischen granatapfel mit adam teilte.


PS.
zu hause im südwesten der republik ist übrigens die firma Jacoby der saftladen meines vertrauens: regional und bio seit bald 100 jahren - quasi bei mir um die ecke. die haben einen - wie ich finde - sehr guten und vor allem bezahlbaren granatapfelsaft im angebot. (nein, dies ist keine werbesendung. zumindest keine bezahlte.)

Donnerstag, 27. Dezember 2012

richtigstellung

asperger-autistin on/off

wie so oft in der dunklen zeit „zwischen den jahren“ bin ich auch dieser tage wieder einmal mit „aufräumen“ beschäftigt, innerlich und äußerlich:

was bleibt im alten jahr zurück, was ist neues dazugekommen, was will noch erledigt werden, was kommt mit nach 2013?

Jahresendkitsch mit Kerzen, Gold & Glitzer

etwas neues für mich war der psychiatrische befund im frühling: verdacht auf asperger-syndrom - einer „unheilbaren störung“ im autistischen spektrum.

nach dem gut anderthalbstündigen gespräch mit den zwei ärzten der psychiatrie an der universitätsklinik war mir damals das ergebnis zunächst mündlich mitgeteilt worden - dann war ich mit der diagnose mehr als zwei monate allein.

als der schriftliche bericht zur begründung der verdachtsdiagnose endlich eintraf, war ich ziemlich … genervt. schockiert. verunsichert. wütend. die diagnose berechtigte mich, einen schwerbehinderten-ausweis zu beantragen.

um mir das „asperger-syndrom“ bescheinigen zu können, hatte die herren doktoren ungefähr zwei drittel meiner persönlichkeit abgeschnitten und gar nicht erst berücksichtigt.

so sehr schienen sie sich darüber zu freuen, mich in ihre asperger-schublade stecken zu können, dass sie nur sahen, was sie sehen wollten - und gar nicht merkten, wie ich an allen seiten überhing und die kiste gar nicht richtig zu schließen war!

es war wie in dieser szene im märchen von aschenputtel, wo der fuß unbedingt in den viel zu kleinen schuh hinein soll - dann eben vorne und hinten abgeschnitten und passend gemacht wird. hauptsache, es sieht so aus, als ob - ohne rücksicht auf verletzungen.

meine seele war der blutende fuß, das asperger-syndrom der unpassende schuh. dennoch waren 'mannen' sich so dermaßen einig und sicher, dass ich in den monaten zwischen diagnose und bericht schon gleich mehrere anfragen erhielt, doch bitte an klinischen studien zu autismus im allgemeinen und asperger im besonderen teilzunehmen.

die beschriebenen versuchs-anordnungen erschienen mir allesamt ziemlich ungemütlich. ungeheuerlich fand ich die erwartung, dass ich so ein setting mit innen glipschiger enger badekappe auf meinem lockenkopf (damit die vielen angekabelten elektroden richtig leiten) in einem abgedunkelten engen raum lange zeit auf einen bildschirm starrend mit knopf zum drücken in der hand nicht nur irgendwie aushalten, sondern mich dabei auch noch wohlfühlen sollte. das war eine bedingung für die teilnahme! wellness geht bei mir anders.

von autisten sagt man, dass sie auf die gefühle anderer angeblich keine rücksicht nähmen. aber haben diese neurotypen-psychiater irgendeine ahnung, was sie einem da antun mit ihrer seltsamen forscherei? wo nehmen sie rücksicht auf die gefühle ihrer patientInnen, wenn sie über uns reden statt mit uns?!

immerhin hätte es für jeden forschungstermin eine fahrtkosten-erstattung gegeben und vielleicht ein paar euro extra. letztlich war mir dann meine zeit zu schade und auch die energie, die mich die teilnahme gekostet hätte.

in dem fachärztlichen bericht war 'mann' weder auf meine kreative hochbegabung mit ihren besonderheiten noch auf die multiplen traumata mit ihren folgen näher eingegangen. statt dessen war manches „autistisch umgedeutet“ worden.

fehlender blickkontakt ist zum beispiel so ein „asperger-typisches“ kriterium.

natürlich habe ich die herren angesehen. sogar durchaus freundlich, wohlwollend und aufgeschlossen. aber doch nicht ständig! es gibt nur ärgerliche missverständnisse, wenn eine frau einem fremden mann zu lange in die augen guckt. das habe ich in unzähligen situationen selbst erlebt. meine rein freundlich gemeinten blicke wurden in der vergangenheit von männern allzu oft missverstanden als flirtversuch und „interpretiert“ als einladung zu sexuellen übergriffen. also nein danke. da sind wir vorsichtig geworden, herr doktor.

jahrelang habe ich selbstbehauptungs-kurse besucht, um nicht ständig frauentypisch lächeln zu müssen. keine unterwerfungsgesten mehr, wenn eine kompetent wirken will. großes fazit aus dem arroganz-training! aber wenn ich's anwende, gelte ich als autistin?!

ganz zu schweigen von der situation, allein mit zwei mir fremden männern in einem kleinen geschlossenen raum sitzen zu müssen. der horrortrigger! das ist doch wohl klar, dass eine frau mit schlechten erfahrungen da erst einmal vorsichtig wird und nicht der überschwang in person ist. das war keine erfreuliche situation für mich, die sie mir da bereitet haben, herr doktor.

so und ähnlich konnte ich mehrere „autistisch wirkende“ merkmale erklären in einer „nachexploration“ drei monate nach dem ersten gesprächstermin. der leiter der spezialsprechstunde für das asperger-syndrom war sehr respektvoll, nahm mich ernst und sich viel zeit für dieses zweite gespräch.

was mir bleibt, ist eine „reizfilterstörung“ - der umstand, dass ich nicht dicht machen kann, wenn zu viele reize auf mich einströmen (weil ich dank meiner feinen sinne viel mehr wahrnehme als andere). das ist nicht therapierbar, genauso wenig wie intelligenz. besser, ich stelle mich darauf ein.

was mir ebenfalls bleibt, sind „autistische züge ohne krankheitswert“. kurz: ein paar schrullen, die je nach betrachterIn durchaus liebenswert sein können.

wie sagte doch meine züricher freundin dazu? „nun mach dir deswegen keinen kopf, liebe mo. jeder mensch ist doch irgendwie.“ recht hat sie.

it's not a bug, it's a feature“ - würde die IT-fachfrau dazu sagen.

ich bin nicht behindert, sondern begabt. der hinweis auf meine autistischen züge hilft mir, besser zu verstehen, wer ich bin und warum mir manches schwerer fällt als menschen, die anders fühlen und denken. ich lerne, dies für mich zu akzeptieren und kann es dadurch auch besser nach außen kommunizieren. ich bin froh, dass ich das abklären konnte.

ich bin im vergehenden jahr psychiatern begegnet, männern, die erst recht haben wollten, dann aber doch gar nicht recht hatten und ihre diagnose revidieren konnten. da durfte ich ein vorurteil abbauen. das versöhnt mich durchaus und dafür bin ich dankbar.

nun kann es weiter hell und heiter werden.

Dienstag, 18. Dezember 2012

auf bäume klettern

jahreszitat 2013: habemus motto

es ist soweit! nachdem noch bis kurz vor einsendeschluss des wettbewerbs zahlreiche kommentare eingingen mit vorschlägen für unseren besonderen leitspruch des jahres 2013, saß die jury nun tagelang mit rauchenden köpfen brütend über einer entscheidung.

die preise: exklusive kalender 2013


diese fiel wirklich schwer - aber nun genug der dicken luft, wir können wieder klar sehen und haben den vorschlag von pat zum gewinnner gekürt!

astrid lindgrens weise worte

„es gibt kein verbot für alte weiber, auf bäume zu klettern“

haben uns so gut gefallen, dass wir sie ein ganzes jahr lang um uns haben wollen. herzlichen dank für diese entzückende entdeckung! das zitat stammt übrigens aus dem jahr 1974, als astrid mit ihrer freundin, der bibliothekarin elsa olenius an deren 80. geburtstag ein baumwettklettern veranstaltete. astrid selbst war damals 66 jahre alt.

liebe pat, als dankeschön erhältst du den exklusiven termin-/tagebuch-kalender 2013. herzlichen glückwunsch!


nun zum versprochenen trostpreis!

der/die gewinnerIn wurde per los ermittelt. dazu habe ich alle zitate auf ganz gleich aussehende zettelchen geschrieben und diese ganz identisch gefaltet, so dass äußerlich keinerlei unterschiede zu sehen waren.

dann waltete die chief exeCATive lottofee ihres amtes:

chief exeCATive lottofee


den trostpreis gewonnen hat Anonym mit einem zitat des Erasmus von Rotterdam "Die höchste Form des Glücks ist ein Leben mit einem gewissen Grad an Verrücktheit." dass das durchaus zum gekürten jahresmotto passt, ist aber nun wirklich reiner zufall. unsere bürokatze schwört, dass sie nicht gelünkert hat!

[liebeR anonymA, leider kenne ich deinen namen nicht! also melde dich bitte schnell, ob du deinen gewinn (einen tollen wandkalender mit zwölf der schönsten fotos aus dem blog) erhalten möchtest oder nicht - damit ich weiß, wohin ich den schicken darf. falls du nicht willst und ich bis morgen abend (mittwoch 19.12.2012 23:59 uhr) deine anschrift nicht kenne, wird der preis anderweitig vergeben. er soll doch noch vor weihnachten bei euch eintreffen!]


und weil da wirklich soooo viel tolle vorschläge zusammengekommen sind, gibt es noch einen sonderpreis, und der geht an …. tataa!

anja - für den vorschlag des zitats von van Gogh "Die Normalität ist eine gepflasterte Straße; man kann gut darauf gehen - aber es wachsen keine Blumen auf ihr." das (ich nehme an) niederländische original habe ich zwar nirgends finden können, aber ich vertraue jetzt einfach mal darauf, dass das authentisch von Vincent van Gogh ist. falls jemand die ursprüngliche quelle kennt oder noch herausfindet: ich freue mich über eine nachricht!

liebe anja, als sonderpreis gibt es auch für dich einen terminkalender 2013 mit dem neuen jahresmotto. für täglich mehr blumen im leben!

[liebe pat, liebe anja! bitte lasst mich bitte bis spätestens übermorgen abend (donnerstag, 20.12.2012 23:59 uhr) wissen, wohin die preise flugs am freitag verschickt werden wollen (sonst werden sie anderweitig vergeben, ist ja schließlich termingebundene ware ;-) ]

allen, aber wirklich ALLEN teilnehmerInnen ganz herzlichen dank für die teilnahme und die vorschläge. uns hier hat das viel spaß gemacht!

Sonntag, 16. Dezember 2012

absagen einstecken II

besondere maßnahme no. XXV

wie ihr euch denken könnt, ist die lücke in meinem leben, die im oktober durch die kündigung meiner teilzeitstelle beim verlag entstanden ist, noch längst nicht wieder gefüllt.


daher halte ich augen und ohren offen, schau mich um, versuche neues, gehe auch mal unbekannte wege …. alles wie immer, eigentlich. wenigstens langweile ich mich nicht.

eine bezahlte arbeit (die mir die butter auf die richtige seite vom knäckebrot finanzieren täte) ist dabei zwar bisher noch nicht herausgekommen - aber immerhin neue erfahrungen, was die methoden und üblichkeiten auf dem aktuellen arbeitsmarkt so angeht.

letzte woche schrieb ich eine bewerbung auf eine mini-stellenanzeige im hiesigen kostenlosen lokal-anzeigenblatt: gesucht wurde eine mitarbeiterin für den empfang in einer beratungsstelle auf 400-EUR-basis, „erfahrungen im verwaltungs- und/oder sozialen bereich von vorteil“.

na bitte, das kann ich prima machen, dachte ich: war selbst jahrelang geschäftsführerin und vorstand in einem gemeinnützigen verein im gesundheitsbereich, kann alle office-anwendungen aus dem eff², telefonieren sowieso, je nach bedarf freundlich oder auch mal resolut dreinschaun und habe obendrauf auch noch erfahrungen mit der zu erwartenden klientel - sogar aus eigener erfahrung! es ging nämlich um sucht und drogen. zudem ist mir die leiterin der beratungsstelle persönlich bekannt.

also entwarf ich einen indivuellen bewerbungstext, abgeschickt per email mit aktuellem lebenslauf und dem letzten aussagekräftigen, sehr guten zeugnis im anhang.

und?!
ihr ahnt es schon?!
es kam eine absage, ebenfalls per email, innerhalb von 24 stunden.

den text des dreizeilers lässt man sich am besten gar nicht genüsslich auf der zunge zergehen, sondern spuckt ihn gleich angewidert wieder aus:
…. leider müssen wir Ihnen mitteilen, dass ihre Angaben nicht völlig unseren Erwartungen entsprechen. Aus diesem Grunde können wir Ihre Bewerbung leider nicht ….

was fehlte denen denn, ich bin doch bestens qualifiziert?! ich war ziemlich wütend, holte zur beruhigung ungefähr sieben mal tief luft und habe dann die derzeitige empfangsdame angerufen. sie sei leider auch nur ausführende und mache, was man ihr aufgetragen habe, und die leitung sei sowieso erst im nächsten jahr wieder zu erreichen.

ahja.
ich bedankte mich artig für die information und riss mich schwer zusammen, nicht meinerseits die absage mit einer absage der anderen art zu beantworten:
leider leider! …. bin ich nicht fähig, Ihre mir unbekannten erwartungen ohne vorherige nähere angaben hellzusehen. ja, im grunde bin ich nicht einmal willens, in einem schlecht bezahlten aushilfsarbeitsverhältnis überhaupt irgend etwas hellzusehen! da Ihre schon im bewerbungsverfahren zutage getretenen überzogenen arbeitgeberseitigen erwartungen an u.a. hellseherische fähigkeiten einer neuen mitarbeiterin nach antritt einer stelle erfahrungsgemäß nicht auf ein erfüllbares maß gesenkt, sondern statt dessen aufrecht erhalten und häufig sogar in unverhältnismäßiger weise noch gesteigert zu werden pflegen, muss ich Ihnen leider mitteilen, dass ich mich veranlasst sehe, meine bewerbung zurückzuziehen. bei der weiteren mitarbeitersuche wünsche ich Ihnen viel erfolg ....

das nur mal zwischendurch als nette entspannungsphantasie zur psychologisch sinnvollen verarbeitung seltsam abwertender absageantworten auf ernst gemeinte bewerbungsschreiben, in denen man sich ja für gewöhnlich echt nackig macht.

dabei hatte ich denen noch gar nicht mitgeteilt, dass mein (langjährig postalkoholischer, in einer offiziellen untersuchung nachgewiesener) IQ nur sieben punkte unter dem (gemutmaßten) IQ von albert einstein liegt.



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