Achtung. Achtung. Achtung.
Wir sind umgezogen!

Januar 2021

Das Büro für besondere Maßnahmen ist ab sofort erreichbar auf mojour.de

Nach und nach werden alte Beiträge – ggf. aktualisiert und überarbeitet – dorthin umziehen. Bitte folgen ... :-)

Sonntag, 8. August 2010

hafenratte

was meerwasser angeht, so gehöre ich eher zu den leuten, die hauptsächlich darin herum plantschen.

es gibt andere, die bauen mit stoffbahnen überspannte hohlkörper, um sich auf und über das wasser zu bewegen.

warnemünde: leuchtturm / hanse sail 2010

das findet die meeressüchtige landratte in mir spannend. also bin ich gestern nach warnemünde geradelt und habe mir das große segelboot-meeting angesehen, die hanse sail 2010 in rostock.

ich war beeindruckt. stundenlang konnte ich auf der kaimauer am hafen sitzen, mit den beinen baumeln und schiffe gucken. das war gigantisch schön! etwas so erhabenes und erhebendes habe ich selten erlebt. so viele so große segelschiffe auf einmal habe ich sowieso noch nie gesehen.

wie ein kind habe ich gestaunt, habe mich sehr frei gefühlt, leicht und heiter - und konnte diesen therapiepausensamstag so richtig genießen.

von dem klinik-alltag hier mag ich zur zeit noch nicht erzählen. nur so viel, dass ich es sehr sehr anstrengend finde. die öffentlichen mahlzeiten zu eng gesteckten zeiten, wenn ich weder appetit noch hunger habe. die vielen fremden menschen, immer und überall. ich passe mich ein, so gut es geht.


ps.
die acht ist meine glückszahl. dass ich ausgerechnet am 08. august meinen 88. post veröffentliche, freut mich. es war nicht geplant.


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Mittwoch, 4. August 2010

4HfM

die kurze maßnahme no. 19 hat das rote eichhörnchen im haselstrauch mir beschert, als es mir vier noch grüne zaubernüsse vor die füße warf, gleich an meinem ersten tag hier.



nun spiele ich „vier haselnüsse für mo jour“: jedes mal, wenn ich ein kleines wunder brauche, nehme ich davon eine, kneife die augen ganz fest zu und werfe die nuss über die rechte schulter hinter mich.

nuss no. 1 hatte ich gleich eingesetzt, um in ein luftigeres zimmer umziehen zu dürfen. das hat hervorragend geklappt.

nuss no. 2 habe ich heute verbraucht, weil es im großen speisesaal mit 240 leuten so dermaßen unerträglich laut war, dass mein tinnitus verrückt gespielt hat und ich das essen nicht mehr geschmeckt habe. die mahlzeiten waren eine riesige belastung für mich. seit heute habe ich einen ruhigeren platz.

vier wunder für sechs wochen: das ist sehr viel. ich freu' mich schon auf die nächsten zwei!

…. alles ist, wie es soll.


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Sonntag, 1. August 2010

ptbs

eine neue diagnose, mit der ich mich erst einmal anfreunden muss. die ärztin hat es noch gar nicht mit mir besprochen. aber es steht als kürzel in meinem therapieplan, der mir am donnerstag ausgehändigt wurde.

grand hotel heiligendamm: rückansicht II

posttraumatische belastungsstörung. ich weiß, was es bedeutet und weiß es auch irgendwie nicht. schließlich lebe ich seit meiner frühen kindheit mit den symptomen.

dass „das“ eine eigene „krankheit“ ist, weiß ich erst seit wenigen jahren. dass es auf mich zutrifft, habe ich lange geahnt. scheinbar hat bisher nur niemand gewagt, laut auszusprechen und deutlich aufzuschreiben, was ist.

es beruhigt mich und hilft mir sehr, dass meine probleme - oder zumindest ein teil davon - nun einen namen haben. vor allem gibt es meinem aufenthalt und meiner behandlung hier eine neue richtung. ptbs macht andere maßnahmen notwendig als eine rezidivierende depressive störung mittleren bis schweren grades nicht genauer bezeichneter herkunft.

was mich hier im détail erwartet, weiß ich noch nicht. erst einmal habe ich die erlaubnis, in aller ruhe anzukommen und mich einzugewöhnen. meine seele ist noch lange nicht wieder bei mir. ich warte geduldig.

die ersten tage seit mittwoch waren unendlich schwierig für mich und sind es noch. als ich mein zimmer sah, wäre ich fast rückwärts wieder hinausgegangen, wollte auf dem absatz kehrt machen und sofort nix wie weg hier.

es war so beklemmend eng, die aussicht wie ein graues betonbrett direkt vor der nase, dass ich schier keine luft bekam und in den ersten beiden nächten so gut wie nicht geschlafen habe. atemnot, migräne, übelkeit, verzweiflung.

vorgestern hat man mir den umzug in ein anderes zimmer weiter oben ermöglicht. seither wird es leichter. nun schaue ich auf die straße und den bahnhof über den wald nach osten und sehe ganz viel himmel. wenn ich mich ganz weit aus dem fenster beuge, sehe ich ein kleines stückchen vom meer. ich schlafe wieder.

das programm der ersten tage war heftig voll zackzack ein termin jagte den nächsten, eine untersuchung an der anderen. lange flure auf und ab fremde türen suchen, lange vor und in behandlungszimmern sitzen und warten. das alles in neuer umgebung, hunderte von fremden menschen um mich herum, ständig neue gesichter.

ich fand es brutal, war total gestresst und überfordert. erst recht nach der langen reise und zwei schlaflosen nächten.

aber nun scheint es ruhiger zu werden. peu à peu kann ich mich um die dinge kümmern, dir mir selbst wichtig sind. für fast jedes anliegen gab es bislang ein offenes ohr und wohlwollende unterstützung. dafür bin ich sehr dankbar.

ich fühle mich gut aufgehoben. die ankunft meiner seele erwarte ich in kürze.

selbige hängt noch in duisburg, dort ist sie wohl unterwegs ausgestiegen, als wir durchs ruhrgebiet fuhren:

die ungeheuerlichen ereignisse bei der love parade am vergangenen samstag haben mich total gerissen. ich kenne diesen tunnel aus meiner kindheit. das ist ein endloses gruselding auch ohne menschenmassen.

dabei hatte ich mit der loveparade nie was am hut, mit lauter musik und tecchno (heißt das heutzutage überhaupt noch so?) sowieso nicht. im gegenteil. als ich noch in berlin lebte, habe ich regelmäßig geschimpft über den lärm und um meinen geliebten tiergarten gebangt.

der morgen danach war immer besonders schrecklich. die räumkolonnen der BSR in der 'straße des 17. juni' kamen kaum durch die berge von müll, überall stank es nach kloake. am schlimmsten aber war, dass überhaupt kein vogel mehr da war. kein zwitschern kein gar nix war zu hören. jedes jahr musste der park quasi neu aufgeforstet werden, weil die ravermeute alles kurz und klein getreten und totgepinkelt hatte.

aber das eine hat ja mit dem anderen nichts zu tun. erst recht nicht mit dem leid, das nun geschehen ist.

als ich am samstag, den 24. juli im online ticker so gegen 18 uhr die erste nachricht las, dass es bei der love parade in duisburg tote gegeben hatte, war ich gerade mit reisevorbereitungen beschäftigt. danach konnte ich mich auf nichts mehr konzentrieren.

am sonntag habe ich die koffer gepackt. ich habe unendlich lange dafür gebraucht, weil ich dieses unglück so ungeheuerlich, so absolut unfassbar fand. immer wieder habe ich nach neuen informationen gesucht.

inzwischen habe ich videos gesehen, die das geschehen dokumentieren. ich habe authentische blogs gelesen darüber wie grausam die situation war. ich fasse es nicht und sende kraft, licht und liebe den überlebenden und angehörigen.

ich habe versucht, mir jeglichen gedanken daran zu verbieten, weil es doch sowieso niemandem nutzt und nichts ungeschehen macht, wenn auch ich noch schockiert und heulend in der ecke sitze, obwohl ich gar nicht dabei war.

es half nichts. es ist nicht das aktuelle unglück allein, das mich so aufwühlt. es triggert alte bilder aus meiner kinderzeit in duisburg. der tunnel. der bahnhof. der große platz. der vergoldete anker, auf den der fiese großvater so stolz war.

im woolworth machte er das kleine mädchen zu seiner lolita mit knallrot geschminkten lippen. noch heute höre ich die leute tuscheln „hast du das gesehen, das ist ja schrecklich“. noch heute schmecke ich den billigen lippenstift.

es ist kein wunder, dass ich ziemlich aufgelöst hier ankam. auch die vergangenen monate am ungeliebten arbeitsplatz und die sogenannten „missbrauchsskandale“ stecken mir noch in den knochen.

ich war so dermaßen am ende meiner kraft, dass ich mich nicht einmal darüber freuen konnte, endlich am meer zu sein.

heute erst war ich mal baden. da hat es geregnet. das ist mal wieder typisch. es war trotzdem schön.

morgen beginnen die therapien, erst mal noch soft: in den ersten tagen geht es hauptsächlich um körperliche fitness und seelisches entspannen, um mich zu stabilisieren.

danach geht meine reise mehr nach innen. ich bin noch nicht sicher, in wie weit ich in den nächsten wochen die öffentlichkeit daran teilhaben lassen möchte und hier regelmäßig schreiben will. ich werde vieles umkrempeln und neu sortieren. das braucht zeit. meine zeit.

wenn mal länger nix kommt, dann seid gewiss: ich bin hier gut aufgehoben. wenn ich will, ist immer jemand für mich da.


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Mittwoch, 28. Juli 2010

neue aussicht

nur mal schnell eine kurze maßnahme, um euch mitzuteilen, dass mein büro die aussicht gewechselt hat.

grand hotel heiligendamm: rückansicht I

die sommersendungen kommen nun aus dem sanatoriums-büro. das ist nicht annähernd so schön wie mein home-office, es gibt auch keine katze. die aussicht ist garstig und deutschgrau, ein schnöder hinterinnenhof. das wage ich euch gar nicht zu zeigen.

für das foto bin ich fast aufs dach geklettert. ihr seht schon: ich wohne in der zweiten reihe. in der ersten reihe steht das grand hotel, und das zeigt allen anderen sehr genau, wo sie hingehören: nach vorne nämlich nicht.

der zugang zum strand ist kilometerweise abgezäunt: gerade so, als ob da immer noch wer gipfeln täte und dringend vom volke abgeschirmt werden müsse.

weil die feinen herr- und damenschaften in den weißen villen nicht wollen, dass frau kunz und herr hinz zu nah an ihrem hotelzimmer vorbeilatschen, werden aus dreihundert metern luftlinie mal eben zwei kilometer. nicht einmal das kurhaus ist öffentlich zugänglich.

für unsereins krankes tränenhuhn ist das nun sehr beschwerlich, immer den großen doofen umweg laufen zu müssen. wo ich doch das meer so liebe.

schon brecht hat seinen galilei sagen lassen: „angesichts von hindernissen mag die kürzeste verbindung zwischen zwei punkten die krumme sein.“

so ist das leben
außerdem regnet es hier
ich bin indigniert


ps am 30.07.2010
hier zum anschauen ein aktuelles spiegel-video


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Mittwoch, 21. Juli 2010

geschafft? geschafft!

gegen ende habe ich die arbeitsstunden rückwarts gezählt und jeden tag ein stück vom maßband abgeschnitten.

barke: schwanenweiher, breisach

und dann ist mir der abschied gestern doch schwergefallen. von den menschen. nicht von der arbeit. es gab kolleginnen, die geweint haben, weil ich gegangen bin, weil sie mich so sehr vermissen werden. ich habe auch geweint, mit sehr gemischten gefühlen.

ich weinte tränen der verzweiflung, eben weil ich mich dort so sehr abschneiden und verengen musste, um die arbeit einer verwaltungsangestellten machen zu können. und ja! es hätte doch auch einfach ein netter arbeitsplatz sein können, oder?! wenn schon die bezahlung nicht über den eines 1-euro-jobs hinausging. war es aber nicht.

warum ist der arbeitsalltag im deutschen grauland oft so schwer und schwierig und freudlos, so kleinkariert und streng reglementiert? für lachen und menschlichkeit scheint kaum jemals platz zu sein. obwohl das doch niemals die arbeitskraft mindern, sondern ganz im gegenteil erst alle energien so richtig in fluss bringen könnte.

woher kommt dieses deutsche vorurteil, dass – wer lachen kann und charmant sein, angeblich nicht richtig arbeiten will, statt dessen faul sei und „nicht bei der sache“? ich halte es da lieber mit dem dalai lama, der einmal sagte (oder schrieb) „wenn leute lachen, sind sie fähig zu denken“. namastè!

aber dort, nun ja. ich will ja niemandem böses unterstellen. aber ich hatte doch des öfteren den eindruck, dass da menschen unterwegs waren mit der maxime „wer zuerst lächelt, hat verloren.“ ich habe meine würde gewahrt und mich nicht daran gehalten.

nicht geweint habe ich bei der obligatorischen verabschiedung im beisein vieler kollegInnen. da habe ich mich da so dermaßen zusammengerissen, dass ich mich jetzt kaum noch an die situation erinnern kann – weder an menschen noch an worte. ich bekam nicht nur ein offizielles abschiedsblümchen, sondern gleich mehrere sehr persönliche geschenke und grußkarten verbunden mit der bitte, den kontakt nicht abzubrechen. das weiß ich noch, weil die beweise jetzt hier vor mir auf dem tisch liegen. das berührt mich sehr. ich habe spuren hinterlassen, und ich habe so vieles bekommen im herzen. das ist in geld und gold nicht aufzuwiegen.

im nachhinein weine ich tränen der erleichterung, weil ich meine vertragspflicht erfüllt habe und fertig bin. ich habe auf diesem arbeitsplatz sooo sehr gelitten. auch wenn ich das dröge hochschul-, verwaltungs- und wissenschafts-speak in den fast sieben monaten einigermaßen verstehen gelernt habe – so war ich doch bis zum schluss nicht darin heimisch und habe mich immer gefühlt wie auf einem giftgrünen planeten in einer feindlichen galaxie. jetzt darf ich wieder nach hause und bin erst einmal damit beschäftigt, den weg zu mir selbst zurück zu finden.

gleichzeitig bin ich stolz, eben WEIL ich durchgehalten habe bis zum schluss, meinen vertrag „ordentlich“ erfüllt: keine unnötigen krankheitszeiten produziert, bei aller not eine gute kollegin gewesen und korrekte arbeit abgeliefert sowieso – auch wenn ich mich dabei oft fast zu tode gelangweilt habe oder bis an die grenzen genervt war.

ich fühlte mich auch oft überfordert, weil es zwar jede menge arbeitsaufträge gab, aber fast keine einarbeitung: die informationen, die notwendig waren zur erledigung, die musste ich mir oft erst mühsam selbst beschaffen bzw. hellsehen. das war überaupt kein schönes arbeiten, weil meistens nicht einmal die auftraggeberInnen wussten, was genau zu tun war.

stolz und dankbar bin ich – in aller demut – dass ich das alles durchgehalten habe, ohne einen rückfall in den alkohol zu machen. das ist bei allem das wichtigste für mich – und die oberste bedingung, um meine jetzt neu wiedergewonnene „freiheit“ so gut wie möglich genießen zu können.

etwas angst ist gerade auch dabei, weil ich nach der sommerpause vorerst wieder nur von zu hause aus arbeiten werde, da ist auswärts noch nichts in sicht. das wird mir wahrscheinlich nicht ganz leicht fallen, dann wieder ohne spiegelung im außen leben zu müssen: niemand, der/die regelmäßig 'guten morgen' zu mir sagt und so'n zeug, was für „alle anderen“ ganz normal zum leben dazugehört. nichts wird passieren, das ich nicht selbst vorher geplant und organisiert habe.

statt dessen werde ich wieder tag und nacht den vermieter auf seinem akkordeon dudeln und dazu pseudomelodisch jaulen hören. weia. aber darüber kann ich immer noch jammern, wenn es dann so weit ist ;-)

fröhlich bin ich jetzt, und das ist wirklich wunderbar! das fühlt sich fast so unbeschwert an wie früher als kind, dieses jubelnde „die doofe schule ist aus! zeugnis ist gut! ein langer wilder sommer liegt vor mir!“

das ist und bleibt wohl immer die schwierigste und gleichzeitig schönste aufgabe in meinem leben: die zu werden und zu sein, die ich wirklich bin.

nun also zurück zu mir: freie radikale – mit allen vor- und allen nachteilen. yessss!


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Samstag, 17. Juli 2010

abschiedsschmerz

gestern habe ich die schwiegerkatze wieder abgegeben. ungefähr sieben wochen hatten wir miteinander. es war oft lustig, noch öfter zärtlich und sehr verspielt.


das katzebutz hat eine katzentransportkorbphobie. es war nicht einfach, sie in das kistchen zu setzen, so sehr hat sie sich gewehrt mit zähnen und krallen.

jetzt tut‘s weh, und ich bin fast dankbar für die blutende kratzspur. der schmerz in meinem leben ist selten so sichtbar:

die katze kommt in zwei monaten zurück. die freundin, der sie gehört, werde ich für viel viel längere zeit nicht sehen.

aua.


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