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Freitag, 27. September 2013

postkasten

- besondere maßnahme no. XXXI -

könnt ihr euch noch erinnern, wann ihr die erste email geschrieben habt? an wen? oder von wem ihr die erste elektronische post erhalten habt?

ganz ehrlich? ich weiß es nicht mehr. es muss irgendwann ende der 90er jahre des vorigen jahrtausends gewesen sein, ist also im grunde noch gar nicht so lange her. vor allem, wenn ich bedenke, dass ich schon seit anfang der 80er jahre mit computern arbeite.

Blaubeeren aus Russland

was ich noch sehr gut weiß, ist, dass sich einige pressestellen sehr darüber wunderten, dass ich in meiner redaktion eines berliner ard-senders bis zum ende des jahres 2000 keine persönliche email-adresse hatte (das wurde als unnötig betrachtet) – während ich privat schon längst online vernetzt war.

anfangs freute ich mich sehr über das papierärmere büro. es war eine erleichterung, weniger altpapier zum container tragen zu müssen. dass aber irgendwann mein analoger postkasten mit ausnahme von rechnungen und unerfreulicher post vom amt so gut wie leer bleiben würde – das konnte ich mir damals nicht vorstellen.

heutzutage kommen kaum noch persönliche briefe oder karten an. der briefträger, den ich früher sehnsüchtig erwartete, weil er mir oft so schöne bunte dinge mit abenteuerlichen briefmarken aus der fremde brachte, hat seinen zauber verloren.

im digitalen zeitalter kommen nicht nur urlaubsgrüße als sms, als allgemein gehaltene rundmail oder gleich als öffentlich auf facebook gepostetes knipsefoto, sondern sogar todesanzeigen. der persönliche gruß, die handverlesene karte samt liebevollst abgeschleckter briefmarke sind pure nostalgie.

Englische Telefonzelle aus Thailand

innehalten unterwegs oder manchmal auch im alltag, sich über den eigenen standort klar werden und den daheim verweilenden oder freundInnen in der ferne handschriftlich mitteilen, wie es gerade geht und dass ich an sie denke - das wird zumeist nur noch als lästige zeitverschwendung und unnötige geldausgabe angesehen.

schade.

längst ist mein postkasten kaum mehr als dekoration am hauseingang. es gibt keine überraschungen mehr. seit jahren schon öffne ich die briefkastenklappe nicht mehr in neugieriger vorfreude, sondern mit einem angstvollen klumpen im magen. auf rechnungen und deutschgraue amtsbriefe würde ich gerne verzichten. die teure edelstahlkiste könnte man von mir aus ruhig abhängen. das darf ich als gute bürgerin aber nicht.

da ich weder den briefkasten entfernen noch den empfang unliebsamer post abstellen kann, musste für das postalische gleichgewicht eine besondere maßnahme her:

vor ein paar monaten habe ich mich angemeldet bei Postcrossing. das ist eine art versandportal für echte postalische schneckenpostpostkarten. wenn ich eine postkarte schreiben möchte, erhalte ich eine zufällige anschrift irgendwo auf der welt. sobald meine postkarte dort als 'angekommen' registriert wird, wird meine adresse an jemand anderen verlost.

das projekt Postcrossing besteht als webseite seit 2005. mehr als vierhunderttausend "postcrossers" haben bisher fast 20 millionen postkarten weltweit hin und her und kreuz und quer geschickt.

anfangs war ich skeptisch. aber es funktioniert – unkompliziert und kostenlos, und es macht spaß.

Orchideen aus Israel

es ist natürlich ein unterschied, ob mir ein guter freund von seinem ausflug ans andere ende der welt einen lieben herzensgruß schickt – oder ob eine unbekannte aus irgendwo mir ein paar freundliche zeilen smalltalk auf eine postkarte schreibt.

trotzdem: in jeder karte steckt ganz viel persönliches, liebevolles gestalten und nachdenken über die frage „wie kann ich dieser fremden person, deren anschrift mir nun mitgeteilt wurde, eine freude machen?“

es ist nicht ganz das „echte“ gefühl - eher ein bißchen 'pseudo'. wie kaffeesurrogatextrakt - und doch bringt es in meinen täglichen gang zum briefkasten wieder ein bißchen vorfreude, so wie früher. ich lass ihn noch eine weile hängen.

postcrossingkarten schreibe ich zwei bis drei mal im monat. fast ebenso viele erhalte ich auch.

mein persönlicher nebeneffekt: zusätzlich schreibe ich auch wieder mehr postkarten an 'meine' leute, die in aller welt verstreut leben. einfach so. ich hoffe, sie finden das nicht allzu schrullig.


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Kommentare :

  1. Hallo liebe mo jour,
    das ist eine schöne Idee und auch mir war letztens ein wenig nach mehr echter Post...
    ich stöberte ein wenig in alter Post durch und entdeckte hier und da Altbekannte denen ich kurzerhand ein paar Zeilen schrieb.
    Es macht Spaß ;-)
    Wünsche Dir weiterhin erfreuliche und bunte Post!
    Herzliche Grüße

    AntwortenLöschen
  2. Hallo mo jour,

    Du bist auch bei Postcrossing unterwegs? Finde ich ja klasse! Es ist doch schön, dass außer Werbung und Offiziellem auch noch was anderes im Postkasten ist. Außerdem ist es schön, zu wissen, dass rund um die Welt Menschen ähnliche Interessen haben.

    Vernetzt haben wir uns relativ spät, aber ich weiß nicht mehr genau, wann. Während des Studiums in den Achtzigern haben wir mit einer zusammengestrickten Version aus C64 und Cassetten-Recorder mit Cassetten als Speichermedium gearbeitet. Bei meiner Arbeit in den Semesterferien bestand das "Netz" aus einer Standleitung zwischen den einzelnen Firmenniederlassungen. Und selbst diese war nicht besonders standhaft.

    LG und ein schönes Wochenende

    Kerstin mit Finchen und Ayla

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    Antworten
    1. liebe Kerstin & Co.,

      vielen dank für deine schilderung des 'urzeitlichen' internets. sehr anschaulich!

      vielleicht treffen wir uns mal bei postcrossing?! irgendwie ist das mit den postkarten ja auch der pure kitsch - aber es tut einfach gut, wenn wenigstens ein bißchen was im leben nur freundlich, nur nett und nur harmlos ist.
      ich glaube, es ist verwandt mit den "random acts of kindness"

      liebe grüße!
      mo

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  3. das ist so eine nette idee, danke für den hinweis.
    in den nächsten tagen werde ich meine erste postkarte verschicken...
    lg aus wien

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