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Donnerstag, 5. September 2013

dos 14

im leben einer alkoholikerin ist der erste nüchterne tag sehr wichtig, erst recht, wenn er in ein lange zeit alkoholfreies leben führen soll. im allgemeinen weiß eine das erst hinterher, für WIE lange. bei mir werden es heute vierzehn jahre.

archivbild: leicht verkatert, aber genußfreudig
 (*, **)

manche nennen diesen tag ihren „zweiten geburtstag“. für mich passt das nicht, denn ich bin nicht ein zweites mal geboren. ich war vorher nicht tot und auch nicht lebensunfähig. mein geburtstag bleibt mein geburtstag, das war eine einmalige angelegenheit.

ich nenne diesen jahrestag heute meinen „dry day“. gestern vor 14 jahren habe ich wissentlich und willentlich die letzten alkoholhaltigen getränke zu mir genommen, in bester gesellschaft und zu einem phantastisch leckeren essen: einen feinen brut d'alsce, den heiteren sancerre. einen soliden hennessy zum schluss. lecker war's. adieu.

dass ich nie wieder damit angefangen habe, trotz bisweilen ziemlich widriger lebensumstände, dazu muss ich mir mal kurz selbst auf die schulter klopfen.

ich habe damals aufgehört, weil ich mir im spiegel wieder grade in die augen sehen können wollte.
meiner würde wegen.
weil ich so manches so satt hatte.
dass ich mich nicht mehr auf mich selbst verlassen konnte, zum beispiel.

aber es scheint, als sei mein leben auf eine schiefe bahn geraten. just in dem augenblick, als ich beschloss, straight & sober zu sein, um endlich mich und mein leben zu retten.

als ich noch alkohol trank,
war ich beruflich erfolgreich, hatte ich eine sichere wohnung, einen schönen mann, ein eigenes auto.
ich war körperlich fit, habe viel gelacht, und das leben war leichter.

jetzt trinke ich keinen alkohol mehr,
bin schon lange nicht mehr beruflich erfolgreich,
und habe satte 20 kg zugelegt.
die wohnung ist nicht mehr sicher, auch nicht mein 'zuhause',
der schöne mann längst fort,
das auto .... naja. wenn es denn die bezeichnung noch verdient - wird nächste woche 20.

mir ging es noch nie so schlecht in meinem leben - gesundheitlich, finanziell, seelisch, menschlich – wie im letzten jahrzehnt. ich habe keine ahnung und auch nicht mehr viel hoffnung, dass und wie das jemals wieder besser werden soll. von 'gut' wage ich schon gar nicht mehr zu sprechen.

ohne es zu wollen, bin ich in diesen 14 jahren ohne alkohol eine dicke, einsame, mittellose und verbissene alte geworden. eine richtig schlechte partie. manchmal weiß ich wirklich nicht, wozu ich überhaupt noch auf- oder die nächsten fünf minuten überstehen soll.

nur die würde, die mir aus dem alkoholfreien leben erwächst, die habe ich mir bewahren können. auch wenn das jobcenter seit jahren alles ihm mögliche veranstaltet, um mir auch das noch zu nehmen.

meine würde ist ein verdammt trocken brot.


*
ich löffle ein eis. und ich trage diesen schicken weißen taxifahrer-handschuh, weil ich im sommer eine sonnenallergie an den händen habe ....

**
das copyright für dieses foto gehört ausnahmsweise mal nicht mir, sondern jemandem, den ich grade nicht um erlaubnis fragen kann. hey CR, falls dich das bild hier nervt, just tell me.
--------

Kommentare :

  1. Liebe mo,
    ganz herzlich will ich Dir zu 14 trockenen Jahren gratulieren! Auch ein Schulterklopfer und Applaus soll nicht fehlen :-)
    Der Zusammenhang liegt nahe, es kann aber auch ganz anders sein.
    Wenn Du weiter getrunken hättest, vielleicht wäre ein Autounfall passiert, eine Person wäre ums Leben gekommen, Schein weg, Job weg, Haftstrafe, Obdachlosigkeit...
    wer weiß das schon, ob es besser geworden wäre als jetzt.
    Du hast Dich für die Trockenheit entschieden und das ist ein ganz ordentlicher Kraftakt den Du hervorragend gemeistert hast!
    Herzliche Grüße

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    Antworten
    1. liebe regenfrau,
      danke sehr.
      es stimmt sicher: hätte ich weiter getrunken, wäre die abwärtsspirale eine andere gewesen. vielleicht hätte ich mich sogar 'totgesoffen'.
      das traurige: in so düsteren phasen der hoffnungslosigkeit wie derzeit, da wünsche ich mir, ich hätte genau das getan - um mir all das schlechte zu ersparen, das jetzt trotz tapferer abstinenz in meinem leben ist.
      aber ich war nicht berühmt genug und außerdem schon viel zu alt, um wie Janis Joplin, Marilyn Monroe oder Amy Winehouse zur dramatischen legende zu werden. also habe ich mich für den kampf entschieden.

      auch diesmal werde ich (m)einen weg aus der krise finden. irgendwie.
      sicher.
      ganz sicher.

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  2. Liebe Mo jour, was mich gerade "berührt" beim Lesen Deines Textes (und worin ich mich ein Stück weit wiederfinde) ist der Umstand der "Abhängigkeit" entkommen zu wollen. Auf Teufel komm raus... Nur, sind es wirklich die "Suchtstoffe", die "Substanzen", denen "man" zu entkommen versucht? Oder ist es am Ende eine ganz andere, viel tiefer liegende "Abhängigkeit"? Eine Abhängigkeit, der nicht zu "entkommen" ist? Was nutzt uns "Würde" und gleichbedeutend "Stolz" eigentlich wirklich? Wozu "benutzen" wir sie? Unter Umständen.... Eine Antwort habe ich auch nicht, nur, ganz ehrlich, wenn ich Deinen Text lese, dann bekomme ich den Eindruck, dass "Enthaltsamkeit" auch nicht der Schlüssel zur "Büchse der Pandora" ist...

    Du wirst Deinen Weg gehen, so wir alle unseren Weg gehen. Mal besser, mal schlechter. Soviel ist zumindest gewiss. Und ich wünsche Dir, dass er für Dich irgendwann wirklich GUT sein wird.

    Lieben Gruss!

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  3. liebe Frau H.,

    danke für deinen inspirierenden kommtar :-)

    da bin ich ganz auf deiner seite: es sind nicht allein die stofflichen suchtmittel, von denen eine unabhängig werden muss.
    von mir weiß ich, dass ich ein süchtiger mensch bin, dass suchtstrukturen sich auf verschiedenen lebens-ebenen zeigen.
    es ist eine ständige herausforderung, mir selbst immer wieder aufs neue auf die schliche zu kommen und angemessen gesund damit umzugehen (d.h. auf eine weise, die mich weder finanziell noch körperlich ruiniert).

    hinzukommt, dass wir in einer gessellschaft leben, die durch und durch auf abhängigkeit beruht und ausgerichtet ist, 'unabhängige' menschen (erst recht frauen!) gar nicht haben will und bekämpft, weil wir das system infrage stellen und ihm somit gefährlich werden können.
    ich empfehle hierzu das buch "Co-Abhängigkeit - die Sucht hinter der Sucht" von Anne Wilson Schaef. das ist ein augenöffner!

    so ist denn die abstinenz vom alkohol ganz sicher nicht der einzige schlüssel zu einem unabhängigen leben. für mich - da ich alkoholikerin bin - aber ein ganz wichtiger, unverzichtbarer grundstein auf dem weg dahin.

    wie der weg aussehen wird, du sagst es, ist individuell verschieden.

    würde und stolz sind für mich keineswegs gleichbedeutend, aber beide notwendig für ein unabhängiges leben. das kann/mag ich jetzt nicht in wenige worte fassen. ich lass es mal gären: dieses thema ist einen eigenen text wert.

    alles gute dir!

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  4. Liebe Mo jour,

    ich habe Dir zu danken für die Inspiration :)... Und sie hat mich heute doch tatsächlich wohin geführt (was wohl auch ein wenig die Frage nach Würde und Stolz für mich beantwortet hat). Manchmal findet so eines zum anderen :)...

    Im Grunde ist das, was mich an Abhängigkeit stört, nicht die "Abhängigkeit" als solche, also die "Bedürftigkeit", wenn Du so willst, sondern das damit oft verbundene "Machtgefälle", der "Machtmissbrauch".

    Ich kam drauf, weil meine Therapeutin mir versuchte klar zu machen, dass es auch eine positive Form von Abhängigkeit gäbe (für mich: NEIN!) und mir dann versucht hat zu erklären, wie sie das meint.
    Das, was sie meinte, würde ich übersetzen mit dem Gefühl des "verbunden seins" oder sich "verbunden fühlens", was ich auch als etwas sehr positives erlebe. Nur dass es da für mich nie ein "Machtgefälle" gibt sondern nur Gleichberechtigung. Und eben die gegenseitige Wertschätzung der Würde des anderen. Und Du hast völlig Recht, Stolz ist ein anderer Schuh!
    Ich glaube, das habe ich jetzt verstanden, also den Unterschied :), würde mich allerdings dennoch über einen dementsprechenden Text Deinerseits freuen....

    Dir auch alles Gute und liebe Grüße!

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