Achtung. Achtung. Achtung.
Wir sind umgezogen!

Einmal quer durchs Internet von unten links nach oben rechts.
Zum neuen Büro für besondere Maßnahmen // nordost
bitte hier entlang - merci bien!

Donnerstag, 5. Januar 2012

rotlichtfieber

eine memoire

ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, wie das war, als ich zum ersten mal in einer livesendung vor einem mikrofon im studio saß:

„fang an, sobald das rote lämpchen leuchtet.“

das rote licht hinter dem mikrofon. stellvertretend für mein publikum da draußen vor den radiolautsprechern. dem muss ich's erzählen, dem gehört die botschaft überbracht. klar und deutlich.

schwarz - rot - gold: deutsche glücksbringer ;-)

sobald die rote lampe leuchtet, ist mein mikro freigeschaltet und überträgt nicht nur meine stimme, sondern auch jedes andere geräusch im studio. ich darf nicht mehr schmatzen, nicht mehr schnaufen vor aufregung, nicht mehr nervös mit den fingern auf der tischplatte trappeln. auch nicht mit dem papier rascheln, von dem ich gleich meine nachrichten ablesen werde.

die nation hört mit!

das schwierigste: ich muss auch noch absolut still sitzen, weil mein stuhl quietscht. keine zeit mehr, mich um einen anderen sessel zu kümmern. ich darf auf keinen fall auf der stuhlfläche hin und her wackeln. das wäre sonst zu hören, da draußen.

was soll denn die nation von mir denken?!

ein letztes mal gehe ich die nachrichten durch, zeile für zeile. ich darf mich nicht versprechen; setze betonungszeichen über schwierige wörter; markiere mir die stellen, wo ich atmen werde. letzte stimmübungen.

sobald das rotlicht an ist, wird draußen über der tür eine andere lampe aufleuchten, mit einem schriftzug hinterlegt: 'on air'. oder auch 'bitte ruhe. aufnahme.' ich kann mich nicht genau erinnern. die lampe war aus, als ich daran vorbei ging und mein studio betrat.

das studio ist schallgedämpft. von außen dringt kaum ein laut herein. da müsste schon einer mit dem presslufthammer kommen. oder sich lauthals streiten. die außenlampe ist trotzdem wichtig. damit man draußen weiß, was hier drin passiert:

ich bin von der welt abgeschnitten. hoch konzentriert. gleich gilt's. dann muss alles stimmen, auf den punkt. ohne verzögerung und fehlerfrei, mit klarer stimme.

mein einziger kontakt zur außenwelt ist die tontechnikerin am großen mischpult, auf der anderen seite der großen doppelten glasscheibe. sie spielt mir die gerade laufende musik auf den kopfhörer. dann kommt der nachrichtenjingle. dreizehn sekunden bleiben mir noch.

der countdown läuft. liegen alle blätter in der richtigen reihenfolge? kann ich noch meinen text sehen, obwohl mir das mikrofon direkt vor der nase steht? rechtzeitig luft holen ….

stille?
jetzt!

„es ist achtzehn uhr. sie hören die nachrichten.
berlin.
new york.
tokyo.
die finanzwelt.
ein bißchen regionales.
dann noch das wetter.
es ist achtzehn uhr und fünf minuten.
sie hörten die nachrichten. gelesen von ....“

rotlicht aus.
tief durchatmen. räuspern.
ein fragender blick durch die scheibe, zur tontechnikerin: daumen hoch.
alles war gut.

ich verlasse das studio. gehe hinunter in den saal.
dort sitzt 'meine' nation:
die anderen bewerberInnen für die aufnahmeprüfung.
der öffentlich rechtliche nachrichtenredakteur.
und die leitung der journalistenschule.
alle schauen mich an mit großen augen.
respektvoll und aufmunternd.

ich war gut, sehr gut sogar: sie mögen meine stimme, aufnahme bestanden!

dieser nachmittag war der beginn einer großen liebe.

ich habe gelebt, geschuftet und gelitten für diese situation, vor dem radiomikrofon sitzen und 'der nation' da draußen etwas berichten oder erzählen zu dürfen. arbeit, aufregung, anspannung, rotes licht, erfolg und entspannung – und dann auf ein neues. das war meins!

ich habe es geliebt wie sonst nichts auf der welt, das rote lampenfieber. mit den jahren der erfahrung wandelte sich die aufregung der anfängerin in souveräne rotlichterotik.

nichts kam dem gleich. niemals wieder.


--------

Kommentare :

  1. Wow, was können Sie spannend schreiben! Selbst wenn man schon weiß, dass Sie als Redakteurin gearbeitet haben, die Probe also erfolgreich verlaufen war, fiebert man mit.

    Sollten Sie irgendwann Ihre Memoiren in Gänze veröffentlichen, bitte ich um Nachricht: das Buch würde ich unbesehen auf der Stelle erwerben.

    AntwortenLöschen
  2. das freut mich sehr, liebe Frau Dinktoc!
    ich setze Sie gerne auf die liste der vorbestellungen ;-)

    AntwortenLöschen
  3. Wer weiß, was in diesem Jahr noch kommt und sogar die "rotlichterotik" übertrifft ...
    Klasse geschrieben, find´ ich auch :-))

    Alles Gute also für das neue Jahr wünscht
    Johannes

    PS Den Faible für Berge kann ich absolut nachvollziehen :-))

    AntwortenLöschen
  4. danke, Johannes. fürs lob und für die guten wünsche. auch dir ein 1a 2012!
    für berge, übrigens, habe ich nicht wirklich eine schwäche. die b-berg-bilder rechts und links sind alle aus meinem bürofenster heraus entstanden: ich liebe meine aussicht(en)!

    AntwortenLöschen

Eigene Meinung? Fragen? Lob? Kritik? Aufträge?
Immer her damit!

[Als besondere Maßnahme gegen Spam ist leider die umständliche Sicherheitsabfrage notwendig. Zusätzlich werden alle Kommentare moderiert und erst dann veröffentlicht. Bitte habt etwas Geduld: Das Büro für besondere Maßnahmen ist zwar rund um die Uhr geöffnet - aber nicht rund um die Uhr besetzt. Danke für Eure Geduld und Ausdauer!]

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...