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Donnerstag, 6. Januar 2011

abwasch

manchmal, dann reicht eine geste. oder ein geruch – und der ganze aufruhr beginnt von vorn. manchmal, dann werden scheinbar harmlose, alltägliche dinge zu gefährlichen stolperfallen.


hausarbeit kann ich nicht leiden. das ist jetzt nichts besonderes. das geht wohl vielen frauen so. nicht jede von uns kam mit einem putz-gen zur welt, das uns erst dann glücklich und zufrieden sein lässt, wenn die wohnung blitzeblank und kein stäubchen nirgends mehr zu finden ist.

angeblich liegt das blitzblank-gen auf dem einen viertel des zweiten fraulichen X-chromosoms, das männern fehlt, weswegen ihr zweites männliches chromosom nur ein Y ist. genau: männer sind männer aufgrund eines mangels an genetischer information.

aufgrund dieses mangels seien männer für hausarbeit nicht geschaffen, behaupten sie von sich selbst. damit unsereine nur ja nicht auf die idee käme, ihn um hilfe bei der hausarbeit zu bitten. „was, ich soll den müll runtertragen (bügeln, die fenster putzen, staubsaugen ....)!? schatz, das können frauen doch viel besser als männer ....“

wenn ich aber sehe, wie hingebungsvoll so ein angeblich ohne putzgen geborener mann sein auto poliert oder sein motorrad, sein segelboot wienert oder die zinnsoldatensammlung abstaubt, dann halte ich diese theorie eindeutig für widerlegt. unwiderruflich.

wie auch immer. ich habe nicht regelmäßig einen mann in meiner nähe, der mir lästige hausarbeiten abnehmen könnte. ich mache alles selbst.

die monotonie der immergleichen handgriffe, die routine der immergleichen arbeiten sind mir ein graus: die weibliche sisyphe schuftet nicht den immergleichen felsbrocken den immergleichen berg hinauf, sondern den immergleichen staubsauger über den immergleichen fußboden. unerträglich! welch eine verschwendung von zeit und energie.

früher mal, als ich noch nicht prekariat war, habe ich den wöchentlichen grundputz an eine haushaltshilfe delegiert oder mit ihr gemeinsam erledigt. das kann ich mir schon lange nicht mehr leisten. im büro für besondere maßnahmen putzt die chefin noch selbst.

nicht, dass ich‘s nicht könnte. die mutter hat es mir früh beigebracht. „mach dich niemals abhängig von einem mann“, unkte sie und schickte schon die grundschülerin mit putzlappen, schrubber und wischeimer auf den unabhängigkeitstrip. im haushalt, versteht sich.

sie war eine strenge lehrerin. ungeduldig. sie ging kontrollieren. als ich einmal die scheuerleiste im treppenhaus vergessen hatte, holte sie das nach und rieb mir anschließend den stinkenden lappen ins gesicht. ich tat mein bestes, aber ich war selten gut genug. in meiner erinnerung höre ich die mutter oft fauchen und keifen.

neulich mal fiel mir wieder auf, wie angespannt ich bin bei der hausarbeit. besonders beim abwaschen. ich presse die zähne aufeinander und bin ganz verbissen. immer noch. mit anfang zwanzig habe ich dieses phänomen zum ersten mal bemerkt. damals war ich noch studentin.

natürlich habe ich inzwischen eine spülmaschine. aber es gibt dinge, die stelle ich da nicht rein. die alten geschliffenen kristallgläser zum beispiel. oder die frühstücksmesser mit dem perlmuttgriff. viele kochutensilien, weil ich die gleich wieder brauche. pfannen. sowas halt. das mache ich von hand. mit spüli.

ich mach‘s – aber ich mag es nicht. ich mag den geruch von spüli nicht und nicht den von abwaschwasser. ich mag meine hände nicht in das waschwasser tauchen. ich mag auch nicht, wie die haut an den händen davon schrumpelig wird. gummihandschuhe mag ich nicht anziehen. dann fehlt mir das fingerspitzengefühl. die hände werden dann trotzdem schrumpelig. und stinkig.

außerdem ist das wasser heiß. es muss doch alles blank werden.

plötzlich kriegt das innere kind, das irgendwo in meinem bauch zur untermiete wohnt, einen tobsuchtsanfall: „das wasser ist zu heiß! wieso machst du immer das wasser so heiß, dass wir uns die finger daran verbrennen?! das ist doch viel zu heiß!“

das innere kind ist mir wichtig. also lasse ich den abwasch stehen. ich glaube, heute ist sie ungefähr 12 jahre alt. ich gebe ihr ein glas saft. mache einen kaffee für mich. dann setzen wir uns an den großen tisch. sie ist immer noch wütend und weint und kann sich gar nicht beruhigen.

dann erzählt sie mir, wie das damals war. als sie den abwasch machen musste. in der küche meiner ärmlichen kindheit. wo es nur fließend kaltes wasser gab. das wasser wurde in einem kessel gekocht. der stand auf dem küchenofen. der wurde mit kohle beheizt. mit steinkohlen. in eierform: eierkohlen eben. so war das früher. unser heißes wasser.

die schüssel mit dem abwasch stand auf der anrichte, und sie stand auf einem holzbänkchen davor. sie hatte warmes wasser gemacht mit ganz viel schaum. sie wusch das geschirr. die mutter kam: „hier das muss auch noch“ - und legte irgend etwas in die schüssel mit dem abwaschwasser. „aber kind!“ fauchte die mutter. „das ist ja fast kalt! da wird doch gar nichts sauber!“

da ging die mutter zum herd und holte den kessel mit dem heißen wasser. ich hatte die hände noch in der schüssel, unter dem schaum. die mutter goss einfach das fast kochende wasser über meine hände: „so jetzt ist es heiß genug.“ ich sagte nichts. ich biss die zähne zusammen und machte einfach weiter.

nachdem wir uns wieder beruhigt haben, mein inneres kind und ich, gehe ich in die küche zurück. mein abwaschwasser ist fast kalt geworden. ich kümmere mich nicht mehr darum. die gläser werden trotzdem sauber.

die moral von der geschicht? ab sofort darf ich mit lauwarmem wasser abwaschen.

für diese erkenntnis habe ich fast vier jahrzehnte gebraucht.


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Kommentare :

  1. Mir fehlen auch mehrere Putzgene, weil die alle in unserer interfamiliären Evolutionslinie an meiner Mutter hängen geblieben sind.
    Deswegen putze ich (und ich beputze hier 3 Männer minus dem, was die wöchentliche Putzfrau erledigt) immer mit Mp3-Player im Ohr. Entweder lasse ich mich hierfür von den Stones beschallen oder ich höre mir ein Hörbuch an, etwas zu dem ich sonst nie komme.
    Das bringt auch wieder die Kieferknochen aus der Verklemmung!
    Ciao
    Sabiene

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  2. Also... dieses Putzgen, ich denke, das ist andressiert.

    Unsere (überwiegend von Männern dominierte) Gesellschaft hat schlicht sämtliche Arbeiten rund um Haushalts-Instandhaltung zum Frauenjob erklärt. Wie in der Steinzeit nehmen die Männer für sich in Anspruch mit Keule (heute ist wohl das Auto der Keulenersatz...) wilde Tiere (den ach-so-notwendigen Mammon) zu jagen, und Frau soll die Familien-Höhle (Hölle-Hölle-Hölle!!!) wienern.

    Ich weiß nicht warum - aber dieses Verhalten funktioniert bis heute. Obwohl es für Frauen immer wichtiger wird, ihren Job in Erwartung einer zukünftigen (oft recht kärglichen) Rentenanwartschaft beizubehalten.

    Mich selber kann ich auch nicht ausnehmen von dieser Geschlechter-Ungleichheit. Auch ich habe mich über Gebühr lange für die Höhlen-Arbeit daheim festnageln lassen (...mein Ex-Mann nannte das: "Du hältst mir den Rücken frei - ich mache Karriere").
    Karriere hat er gemacht. Und mich, weil so ein Höhlenweiblein ja irgendwann einmal voll langweilig wird, in die Wüste geschickt.

    Da steht Frau dann und kann als Referenzen für die letzten Lebensjahrzehnte lediglich vorweisen, daß sie knapp 200 qm Wohnfläche super in Eigenregie hegen und pflegen kann, lässig-locker sogar knapp 1000 qm Gartengrundstück in Schuß hielt.
    Die Qualifikationen aus der einstigen Berufstätigkeit sind hingegen völlig verstaubte Historie...

    Es ist höllisch schwer gewesen, wieder Fuß zu fassen auf dem Arbeitsmarkt. Der war nämlich ein regelrechtes Haifischbecken geworden, während ich viele Jahre lang lediglich mit Lappen, Schrubber und Fusselporsche glänzende Arbeit leistete.

    Inzwischen bin ich eine der sog. "Multi-Jobberinnen". Zwischen drei Schreibtischen hin- und her hetztend verdiene ich die recht kärgliche Butter auf mein (Discounter-)Brot (Brötchen sind nach der letzten Preiserhöhung luxuriöse Ausnahme gewoden).

    Nee Mädels!
    Laßt euch nie-nie-nie einreden, daß es typische Frauenarbeiten gibt. Das ist nur männliches Wunschdenken, weil die Herren der Schöpfung (meistens) unbequeme Arbeiten auf diese Weise delegieren.
    Und helft euren Töchtern, nie-nie-nie in diese angeblich genetisch bedingte Falle zu tapppen.

    Ansonsten - dein Bericht hat verdammt viele eigene Erfahrungen in Erinnerung gebracht. Bei "schlampiger" Arbeit kriegte ich einst auch von meiner Mutter den Lappen mit dem Beweis-Dreck durchs Gesicht gezogen.
    Und die vom heißen Spülwasser hochroten und verschrumpelten Hände - *gar nicht mehr daran denken mag*.

    Sanna

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  3. Am Ende des Textes musste ich lachen. Aber nicht, weil ich die Geschichte lustig fand, sondern vor Freude, dass Du nun lauwarm abwaschen darfst :-) Das ist so großartig!!!

    Und 40 Jahre... nun ja, solche Erfahrungen haben sich so festgefressen, da ist es eine enorme Leistung, derartige Zwänge überhaupt abzulegen. Mich freut das grade so richtig für Dich.

    Ich kenne das nämlich sehr, sehr gut. Mir hat man das Putzen unter Akutstress beigebracht. Die Welt war, für meine Maßstäbe, friedlich, bis meine Mutter, für mich plötzlich, einen massiven Energieüberschuss bekam, der sich immer in Wutanfällen kanalisierte und dann wurde geputzt. Unter den Schlägen und Schreien einer vorübergehend Wahnsinnigen musste alles perfekt werden. Und das wird es leider noch immer.

    Hey, ich find's klasse :-)

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  4. liebe sabiene, wenn ich beim putzen-staubsaugen-ab/waschen-bügeln ein mp3 hören würde .... ich würde die musik danach ebenso hassen. das lasse ich lieber ;-)

    liebe sanna, ich denke, dass "frauenarbeit" weltweit dringend angemessen gewertschätzt, bezahlt und angerechnet werden muss. nicht nur manche männer, auch unternehmen und volkswirtschaften machen ihren reibach auf unserem rücken.
    ich wünsche dir viel kraft, sei gut zu dir! drei jobs - das ist ein sehr hartes brot.

    liebe zora! ja, da habe ich zwar viel geweint, aber auch über mich selbst gelacht. ab sofort nur noch lauwarm. ich darf das.
    diese frau hat mir kochend heißes wasser über die hände geschüttet. damals in den 60er jahren hatten kinder noch nicht das recht auf eine gewaltfreie kindheit. ich habe sehr lange gedacht, dass alltägliche, versteckte misshandlungen, wie ich zu sie hause erlebt habe, normal wären, habe sie nicht einmal für solche gehalten. ich kannte es ja nicht anders.

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  5. Liebe Mo, die Hausarbeit: Ich mach sie weder gern noch gut und kultiviere mit Überzeugung meinen Hang zur Nachlässigkeit besonders gern auf diesem Gebiet. Zeit hab ich auch nicht so schrecklich viel dafür. Was dazu führt, dass sich mein Lebensgefährte auch zuständig fühlt. Es bleibt ihm nichts anderes übrig. Und das erleichtert die Sache. Denn die Arbeit an sich ist ja Arbeit wie jede andere, man kann von menschlicher Arbeit nicht erwarten, dass sie immer schön ist, die Materie ist halt anstrengend und will vor dem Verfall gerettet werden. Quälend sind die Zuschreibungen, die Strukturen, die Machtverhältnisse, die durch Arbeit entstehen. Aus diesem Grund bin ich auch gegen Lohn für Hausarbeit, ich fürchte, der würde die Zuschreibung Frau = Hausarbeit zementieren.

    Es gab mal eine kurze Zeit in meinem Leben, da hab ich die Kohle rangeschafft und mein Partner blieb zu Hause. Ich bin in dieser Zeit ein bisschen Macho geworden! Hab recht hochnäsig auf seine Bemühungen am heimischen Herd herabgeblickt und musste mir selbst gut zureden, dass ich das auch wertschätze und zur Kenntnis nehme! Wer nach draußen geht, hat mehr Welt zur Verfügung und fühlt sich mächtiger, nicht ohne Grund, finde ich ... Es ist besser, beide gehen raus und beide kümmern sich um Heim und Herd, alles andere schafft ein Ungleichgewicht.

    Quälender als alles andere ist aber die Sklavenmentalität, die Frauen und andere Sklaven entwickeln, das Weitergeben der eigenen Verkrüppelung an Schwächere, dieser degenerierte Umgang mit Macht. Es wurde hier sehr bewegend beschrieben. Das ist schlimm, sehr sehr schlimm. Und aus diesem Grund bin ich doch meist ganz froh, keine klassische Familie zu haben: Es schafft Freiräume. Und das ist doch was wert.

    LG
    Brigitte

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  6. Schön, wie Du mit Deinem inneren Kind redest und auf es achtgibst! Ich bin richtig neidisch:-) Danke für das Lächeln, dass das auf mein Gesicht gezaubert hat.

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  7. liebe brigitte, du hast recht: im bermudadreieck männer-frauen-hausarbeit gehen viel energien verloren auf vielfältige weise. da habe ich im grunde keine ahnung von, denn ich lebe alleine und mache die hausarbeit "nur" für mich selbst. mehr kam und käme auch nie in frage.
    danke für deinen hinweis mit dem machtmissbrauch. unter diesem aspekt hatte ich *diesen teil* meiner eigenen geschichte noch gar nicht gesehen.

    @anonyma - gell?! es klappt nicht immer, dieser gute kontakt mit dem inneren kind. aber wenn es gelingt, ist es jedes mal ein richtiges fest. heute habe ich mal wieder abgewaschen, mit extra lauwarmem wasser - und dabei die ganze zeit vor mich hingegrinst. veränderungen sind möglich. das ist ein schönes, kleines, kostbares erfolgserlebnis.

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  8. Diese Geschichte habe ich gestern Abend zum ersten Mal gelesen und sie hat mich spontan berührt. Was ich zunächst nicht verstand - diese geradezu euphorische Erleichterung. Erleichterung darüber, daß Du dem Kind ein Glas (7 Zwerge?) Saft gabst und es nicht weggeschickt hast. Klar, eine gute Mutter macht sowas halt, um das Kind zu trösten - keine Frage - auch wenn sie sonst nur wenig besitzt. Nur... ich wußte nicht, daß man es so machen kann, daß man es überhaupt so sehen kann...Wie entscheidend die richtige Wortwahl doch manchmal sein kann. Denn was Du, meine liebe Mo Jour als "inneres Kind" bezeichnest, nannte ich bisher immer den "Dämon der Vergangenheit". Und der machte mir eine schreckliche Angst, wie man sie sonst nur als Kind empfindet. Und zu dem ist man nicht nett und freundlich. Ich spannte ihn ein, nachdem ich ihn besiegt hatte, nachdem er Angst vor mir hatte. Er bildete den Treibsatz meiner Energie, meiner Aggression, wenn ich alles, wirklich alles dransetzte die Vergangenheit hinter mir zu lassen, um zu beweisen wozu ich in der Lage war, wenn ich den Hunden freien Lauf lasse, bis sie sich selbst fast zu Tode hetzten und nicht mehr hervortrauten. All das ist mir klar geworden, als ich darüber nachdachte, warum mich dieser knappe Satz so sehr berührt hat. Das Kind dem du ein Glas Saft einschenkst, um es zu beruhigen. Ich habe das arme Kind fast zu Tode geschunden, weil ich es für einen Dämon hielt, doch es war nur ein Kind. Ein Kind aus einer Zeit, die längst vorbei ist. Sollte es sich also eines Tages mal wieder hervortrauen , werde ich freundlich und nachsichtig zu ihm sein. Ach ja -und ein Glas Saft könnte ich ihm auch anbieten. Ich denke es hat lange nichts bekommen.

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  9. liebe/r Anonym/a,
    vielen dank für deinen berührenden kommentar.
    nur wenn wir sie erkennen und anerkennen, unsere verletzten inneren kinder - statt sie für dämonen zu halten - können wir den kreislauf der gewalt durchbrechen.
    es ist ein prozess, das geht nicht von heute auf morgen. vor allem zu sich selbst gut zu sein, das ist ganz ganz wichtig.
    ich wünsche dir gutes - und inneren frieden!

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